Immanuel KantLeben · Werk · Wirkung
Immanuel Kant · 1724–1804 · Königsberg

Der Philosoph, der dem Denken selbst auf den Grund ging

„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht […]: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“

Quelle: Kritik der praktischen Vernunft (1788), Beschluss, AA V 161 (Orthografie modernisiert) — Wikipedia

Porträt Immanuel Kants, Gemälde um 1790 aus dem Umkreis Anton Graffs
Bild: Unknown, possibly Elisabeth von Stägemann (Anton Graff school) · Public domain · Wikimedia Commons

Prüf es selbst: das falsche Versprechen

Dreißig Sekunden, ein Beispiel von Kant selbst. Erst rätst du, dann spielst du durch, wie eine solche Welt aussähe.

Jemand steckt in Geldnot. Er weiß, dass er geliehenes Geld nie zurückzahlen kann, und er weiß auch: Niemand leiht ihm etwas, wenn er nicht fest verspricht, es pünktlich zurückzugeben. Also verspricht er es trotzdem. Mit diesem Fall erklärt Kant in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ (1785), wie man eine Handlungsregel prüft: Man stellt sich vor, sie gälte für alle.

Die Regel, frei nach Kant
Wenn ich in Geldnot bin, leihe ich mir Geld und verspreche, es zurückzuzahlen, obwohl ich weiß, dass ich es nie tun werde.

Deine Vermutung: Was passiert, wenn alle so handeln?

Tippe zuerst auf deine Vermutung, dann öffnet sich der Regler.

Modell: sechs Menschen leihen sich Geld gegen ein Versprechen du

Wer leiht noch auf ein Versprechen hin? 6 von 6 Modell, keine Messung

  1. nur ich: Nur du brichst dein Wort. Alle anderen halten ihres, darum glaubt man dir noch, und du bekommst das Geld. Die Lüge klappt nur, weil du dir eine Ausnahme nimmst.
  2. wenige: Ein paar machen es wie du. Hier und da bleibt jemand auf seinem Geld sitzen und wird vorsichtiger.
  3. viele: Die Hälfte verspricht, ohne halten zu wollen. Wer leiht, verlangt Pfand und Zeugen; ein Wort allein reicht nicht mehr.
  4. fast alle: Fast niemand hält noch Wort. Kaum jemand leiht noch etwas auf ein Versprechen hin.
  5. alle: Alle versprechen mit dem Vorsatz, nicht zu halten. Niemand glaubt mehr, dass ihm etwas versprochen wird, auch dir nicht. Deine Regel hat sich selbst abgeschafft.

Was Kant daraus schließt

Deine Vermutung

–

Kant

„Denn die Allgemeinheit eines Gesetzes, dass jeder, nachdem er in Not zu sein glaubt, versprechen könne, was ihm einfällt, mit dem Vorsatz, es nicht zu halten, würde das Versprechen und den Zweck, den man damit haben mag, selbst unmöglich machen, indem niemand glauben würde, dass ihm was versprochen sei, sondern über alle solche Äußerung als eitles Vorgeben lachen würde.“ Grundlegung, AA IV 422

Die Regel setzt voraus, dass Menschen Versprechen glauben, und schafft als Gesetz für alle das Versprechen selbst ab. Darum lässt sie sich nach Kant ohne Widerspruch nicht einmal denken (AA IV 424). Das schlechte Ende allein ist für ihn nicht der Grund.

Gegenstimme: John Stuart Mill

„Er zeigt nur, dass die Folgen, wenn alle solche Regeln befolgten, so wären, dass niemand sie auf sich nehmen wollte.“ Mill über Kants Ableitung der Pflichten, Utilitarianism (1861), Kap. 1; eigene Übersetzung

Für Mill steckt in Kants Prüfung doch eine Abwägung der Folgen.

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Was das Bild verschweigt
  • Die Zwischenstufen sind ausgedacht. Kant fragt nicht, wie eine Stadt nach und nach das Vertrauen verliert, sondern nur, ob die Regel als Gesetz für alle überhaupt gedacht werden kann.
  • Der Widerspruch ist bei Kant kein Schaden, sondern ein Fehler im Denken: Die Regel setzt voraus, was sie zugleich zerstört. Ob seine Prüfung wirklich ohne einen Blick auf die Folgen auskommt, ist bis heute umstritten, wie Mills Einwand zeigt.
  • Nicht jede Regel scheitert so. Bei manchen lässt sich die Welt widerspruchsfrei denken, aber man kann sie nicht wollen (AA IV 424). Diesen Unterschied zeigt der Prüfstand im Kapitel Ethik.

Quellen: Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785), AA IV 422 (Orthografie modernisiert) — Kant-Korpus · AA IV 424 (Widerspruch im Denken, Ausnahme für sich selbst) · John Stuart Mill, Utilitarianism, Kap. 1 — Project Gutenberg · Wikipedia: Kategorischer Imperativ

Vier Fragen, vier Türen

Kant hat das ganze Feld der Philosophie auf vier Fragen gebracht. Hinter jeder Tür warten Kapitel und Geräte zum Selbstprüfen.

Erste Frage · Metaphysik

Was kann ich wissen?

Die Kritik der reinen Vernunft vermisst die Grenzen unseres Erkennens und begründet, warum Mathematik und Physik sicheres Wissen liefern.

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Dritte Frage · Religion

Was darf ich hoffen?

Höchstes Gut, Gott und Unsterblichkeit, Fortschritt der Geschichte und ewiger Friede: worauf die Vernunft hoffen darf.

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Vierte Frage · Anthropologie

Was ist der Mensch?

„Im Grunde könnte man aber alles dieses zur Anthropologie rechnen, weil sich die drei ersten Fragen auf die letzte beziehen.“

Kant, Logik (1800), AA IX 25

Eine Antwort aus der Erfahrung versucht Kant mit der „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“: Die Vorlesung hielt er von 1772/73 bis 1795/96, das Buch erschien 1798.

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Welche Kapitel hinter welcher Tür stehen, ist eine Einteilung zum Lernen, nicht Kants eigene.

Quellen: Kant, Logik, hg. von G. B. Jäsche (1800), AA IX 25 (Orthografie modernisiert) — Kant-Korpus · Kritik der reinen Vernunft, AA III 522 f. (die drei ersten Fragen) · Wikipedia: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (Vorlesung 1772/73 bis 1795/96)

Heute an Kants Mittagstisch

Jeden Tag ein neuer Streitfall, für alle derselbe. Zum Mittagessen lud Kant meist Freunde ein.

Streitfall des Tages 

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Quelle: Wikipedia: Kantiana (Tagesablauf)

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Kant in fünf Minuten

Das Wichtigste vorweg — jedes Thema führt in ein eigenes Kapitel.

Wer?

Immanuel Kant (1724–1804), Philosoph der Aufklärung, lebte fast sein ganzes Leben in Königsberg (Preußen) und wurde dort 1770 Professor für Logik und Metaphysik.

Die Wende

Seine „kopernikanische Wende“: Nicht unsere Erkenntnis richtet sich nach den Dingen — die Dinge, wie wir sie erkennen, richten sich nach den Formen unseres Erkennens (Raum, Zeit, Kategorien).

Die Grenze

Wir erkennen nur Erscheinungen, nie das Ding an sich. Genau diese Grenze macht sicheres Naturwissen möglich — und lässt Raum für Freiheit und Moral.

Die Moral

Der kategorische Imperativ prüft Handlungsregeln auf Verallgemeinerbarkeit. Menschen sind Zwecke an sich — niemals bloß Mittel.

Die Wirkung

Von der Menschenwürde im Verfassungsrecht (die Objektformel des Grundgesetz-Kommentars geht auf Kant zurück) bis zur Idee des Völkerbunds: Kaum ein Denker prägt Ethik, Recht und Politik bis heute so stark.

Quellen: Wikipedia: Immanuel Kant · Wikipedia: Kritik der reinen Vernunft

Wahlspruch der Aufklärung · 1784

Sapere aude!

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Kapitel VI · Aufklärung →

Quellen: Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784), AA VIII 35 (Orthografie modernisiert) — Wikisource · Wikipedia