Immanuel KantLeben · Werk · Wirkung
Was ist der Mensch?

Kant gegen Kant

Kant hat einen Maßstab aufgestellt, an dem man auch ihn selbst messen kann. Diese Seite legt beides nebeneinander: seine Formel von der Würde jedes Menschen und Stellen, an denen er Menschen diese Würde abspricht oder ihre Rechte beschneidet.

Die bekannteste Formel des kategorischen Imperativs verlangt, jeden Menschen „jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel“ zu behandeln. Alles hat nach Kant entweder einen Preis oder eine Würde, und was eine Würde hat, lässt sich durch nichts ersetzen. Derselbe Kant hat Menschen nach ihrer Hautfarbe in eine Rangordnung gebracht, Frauen und Dienstboten das Stimmrecht verweigert und die Todesstrafe verteidigt. Und er hat gegen Ende seines Lebens scharf verurteilt, wie die Europäer fremde Länder erobern.

Mit Kant gegen Kant zu denken heißt, seine eigenen Grundsätze ernst zu nehmen und zu prüfen, wo er ihnen nicht folgt. Ob seine Vorurteile nur Irrtümer eines Mannes seiner Zeit sind oder bis in seine Philosophie hineinreichen, darüber streitet die Forschung. Diese Seite entscheidet den Streit nicht, sie zeigt ihn.

Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.

Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785), AA IV 429

Quellen: Kant, GMS, AA IV 429 (korpora.org) · AA IV 434 · Wikipedia: Immanuel Kant (Die Thematik der Rassen)

Gegenüberstellung

Kants Maßstab und seine eigenen Sätze nebeneinander, dazu der Widerspruch seiner Zeitgenossen.

Wähle eine Stelle. Links bleibt Kants eigener Maßstab stehen, rechts erscheint, was er an anderer Stelle schrieb, und wer ihm damals widersprach.

Die Zitate geben Kants Wörter wieder, auch die abwertenden. Wir zitieren sie wörtlich, damit man prüfen kann, was er geschrieben hat.

Rasse (1764–1788)

Kant an anderer Stelle

„So wesentlich ist der Unterschied zwischen diesen zwei Menschengeschlechtern, und er scheint eben so groß in Ansehung der Gemütsfähigkeiten, als der Farbe nach zu sein.“

„es gibt gar keine verschiedene Arten von Menschen“

„… noch tief unter dem Neger selbst steht, welcher doch die niedrigste unter allen übrigen Stufen einnimmt, die wir als Rassenverschiedenheiten genannt haben.“

Widerspruch zu seiner Zeit

Georg Forster, Naturforscher und Weltumsegler, widersprach Kants Einteilung 1786 öffentlich und heftig. Dabei erwog er, wie Kant 1788 vermerkt, eine „besondere Schöpfung des Negers“, also eine getrennte Herkunft; diese lehnte Kant ab. An anderer Stelle betonte Forster, die Natur des Menschen sei „zwar überall klimatisch verschieden, aber im ganzen … spezifisch dieselbe“. nach Wikipedia: Georg Forster (Zitat nach Vorpahl 2018); Kant, AA VIII 176

Deine Frage an diese Stelle

Wie kann jemand die Einheit der Menschheit verteidigen und zugleich eine Rangordnung der „Rassen“ aufstellen?

Frauen und Dienstboten (1793–1797)

Kant an anderer Stelle

„… der Dienstbote …; der Unmündige …; alles Frauenzimmer und überhaupt jedermann, der nicht nach eigenem Betrieb, sondern nach der Verfügung Anderer … genötigt ist, seine Existenz (Nahrung und Schutz) zu erhalten, entbehrt der bürgerlichen Persönlichkeit.“

Die Gesetze dürfen niemandem verwehren, sich „aus diesem passiven Zustande zu dem aktiven empor arbeiten zu können“.

„Die dazu erforderliche Qualität ist außer der natürlichen (daß es kein Kind, kein Weib sei) die einzige: daß er sein eigener Herr (sui iuris) sei …“

Widerspruch zu seiner Zeit

Theodor Gottlieb von Hippel, Königsberger Bürgermeister und Ehrengast an Kants Tafel, forderte schon 1792 in seinem anonymen Buch „Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber“ die rechtliche Gleichstellung der Frauen. nach Wikipedia: Theodor Gottlieb von Hippel

Deine Frage an diese Stelle

Wenn jede Person Zweck an sich selbst ist: Warum soll ihre Stimme davon abhängen, ob sie von anderen versorgt wird?

Todesstrafe (1797)

Kant an anderer Stelle

Strafe darf nie „bloß als Mittel“ verhängt werden, „denn der Mensch kann nie bloß als Mittel zu den Absichten eines Anderen gehandhabt … werden“.

„Hat er aber gemordet, so muß er sterben. Es gibt hier kein Surrogat zur Befriedigung der Gerechtigkeit.“

Widerspruch zu seiner Zeit

Cesare Beccaria lehnte 1764 die Todesstrafe für „ruhige Zeiten“ ab. Kant gibt ihn so wieder, als habe er „die Unrechtmäßigkeit aller Todesstrafe“ behauptet, und antwortet: „Alles Sophisterei und Rechtsverdrehung.“ Kant selbst sah hier keinen Widerspruch zum Maßstab, sondern eine Folge daraus. nach Wikipedia: Cesare Beccaria; Kant, AA VI 334 f.

Deine Frage an diese Stelle

Achtet die Hinrichtung den Täter als Person, wie Kant meint, oder verträgt sie sich nicht mit seiner Würde?

Gegen den Kolonialismus (1795)

Kant an anderer Stelle

„… so geht die Ungerechtigkeit, die sie in dem Besuche fremder Länder und Völker (welches ihnen mit dem Erobern derselben für einerlei gilt) beweisen, bis zum Erschrecken weit.“

„… die Zuckerinseln, dieser Sitz der allergrausamsten und ausgedachtesten Sklaverei …“

Widerspruch zu seiner Zeit

Hier spricht Kant selbst gegen seine Zeit: Die Europäer „rechneten“ die Einwohner der eroberten Länder „für nichts“ (AA VIII 358). Ob er damit seine frühere Rangordnung der Rassen aufgab, ist strittig; eine ausdrückliche Zurücknahme ist nicht überliefert. Kant, AA VIII 358 f.; Forschungsstreit nach Wikipedia: Immanuel Kant

Deine Frage an diese Stelle

Zählt ein später Einspruch gegen das eigene frühere Urteil, wenn er es nicht ausdrücklich zurücknimmt?

Quellen: AA II 253 · AA VIII 99 f. · AA VIII 176 · AA VI 314 f. · AA VI 331–335 · AA VIII 358 f. (alle korpora.org)

Rasse: eine Gattung, aber eine Rangordnung

Kant gehört zu den Ersten, die den Begriff der Menschenrasse wissenschaftlich bestimmen wollten.

In zwei kurzen Abhandlungen, „Von den verschiedenen Rassen der Menschen“ (1775/1777) und „Bestimmung des Begriffs einer Menschenrasse“ (1785), vertritt Kant zweierlei. Alle Menschen gehören zu einer einzigen Gattung und stammen vermutlich von einem Stamm ab; es gebe „gar keine verschiedene Arten von Menschen“. Zugleich unterscheidet er vier Rassen, vor allem nach der Hautfarbe. Ihre Entstehung erklärt er aus „Keimen und natürlichen Anlagen“, die im ersten Menschenstamm bereit gelegen und sich je nach Klima entwickelt hätten (AA II 435).

Bei der Einteilung bleibt es nicht. Schon 1764 schließt Kant in den „Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen“, gestützt auf eine Behauptung David Humes, der Unterschied zwischen Schwarzen und Weißen scheine bei den geistigen Fähigkeiten so groß zu sein wie bei der Farbe. 1788 stellt er die Bewohner Amerikas in einer Rangordnung noch unter die Afrikaner, die er auf die niedrigste der übrigen Stufen setzt. Viele seiner Angaben über fremde Völker kannte er nur aus zweiter Hand, oft aus eurozentrischen Darstellungen.

Widerspruch kam schon damals. Der Naturforscher Georg Forster, der an der zweiten Weltumsegelung von James Cook teilgenommen hatte, widersprach Kant 1786 öffentlich und heftig. Dabei erwog er allerdings eine getrennte Herkunft der Afrikaner; Kant hielt in seiner Antwort von 1788 an der Einheit der Gattung fest. An anderer Stelle betonte Forster, die Natur des Menschen sei zwar klimatisch verschieden, im Ganzen aber dieselbe.

Quellen: Wikipedia: Immanuel Kant (Die Thematik der Rassen) · Wikipedia: Georg Forster · Kant, AA II 253 · AA II 432 · AA II 435 · AA VIII 99 f. · AA VIII 176

Frauen und Dienstboten: Bürger ohne Stimme

In seiner Rechtslehre teilt Kant die Staatsbürger in aktive und passive.

Zu jedem Staatsbürger gehören für Kant gesetzliche Freiheit, bürgerliche Gleichheit und bürgerliche Selbstständigkeit. Mitstimmen darf aber nur, wer seinen Unterhalt nicht der Verfügung anderer verdankt. Darum zählt er in der „Metaphysik der Sitten“ (1797) Gesellen, Dienstboten, Unmündige und „alles Frauenzimmer“ zu den passiven Staatsbürgern: Die Gesetze schützen sie, aber bei der Gesetzgebung haben sie keine Stimme. Kant räumt selbst ein, dass der Begriff eines passiven Staatsbürgers mit dem Begriff des Staatsbürgers „im Widerspruch zu stehen scheint“. Die Gesetze dürften niemanden daran hindern, sich in den aktiven Stand empor zu arbeiten. Ob dieser Weg auch Frauen offensteht, sagt Kant dort nicht; 1793 hatte er als „natürliche“ Bedingung des Stimmrechts genannt, „daß es kein Kind, kein Weib sei“ (AA VIII 295).

In seiner Anthropologie beschreibt Kant Frauen als gefühlsbetont und weniger vernunftgeleitet als Männer. Sein Freund Theodor Gottlieb von Hippel, Bürgermeister von Königsberg, sah das anders: In seinem anonym erschienenen Buch „Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber“ (1792) forderte er die rechtliche Gleichstellung der Frauen.

Quellen: Kant, MS § 46, AA VI 314 f. (korpora.org) · Gemeinspruch, AA VIII 295 · Wikipedia: Theodor Gottlieb von Hippel · Wikipedia: Immanuel Kant (Anthropologie)

Die Todesstrafe

Hier beruft sich Kant ausdrücklich auf die Würde des Menschen, und zwar für die Strafe.

Kant verteidigt die Todesstrafe für Mord und begründet sie mit demselben Gedanken wie die Würde-Formel. Eine Strafe dürfe nie bloß als Mittel zu einem anderen Gut verhängt werden, weder für den Verbrecher selbst noch für die Gesellschaft, sondern nur, weil jemand ein Verbrechen begangen hat; denn der Mensch dürfe nie bloß als Mittel für die Absichten anderer gebraucht werden. Daraus folgt für ihn die Wiedervergeltung: Wer gemordet hat, muss sterben. Selbst ein Volk, das auf einer Insel lebt und auseinandergehen will, müsste vorher den letzten Mörder im Gefängnis hinrichten.

Der italienische Jurist Cesare Beccaria hatte 1764 die Todesstrafe für ruhige Zeiten abgelehnt. Kant gibt ihn so wieder, als habe er jede Todesstrafe für unrechtmäßig erklärt, und nennt die Begründung „Sophisterei und Rechtsverdrehung“. Zu den Verteidigern der Todesstrafe zählten damals auch Goethe und Hegel. Ob Kants Begründung die Würde des Täters achtet oder ihr widerspricht, ist eine Frage, die du an diese Stelle richten kannst.

Quellen: Kant, MS, AA VI 331 · AA VI 333 · AA VI 334 f. (korpora.org) · Wikipedia: Cesare Beccaria

Ein später Einspruch: gegen den Kolonialismus

In „Zum ewigen Frieden“ verurteilt Kant, wie Europa mit fremden Ländern umgeht.

1795 begrenzt Kant das Weltbürgerrecht auf ein Besuchsrecht: Jeder Mensch darf sich in einem fremden Land zur Gesellschaft anbieten und darf dort nicht feindselig behandelt werden. Daran misst er das Verhalten der europäischen Handelsstaaten. Ihre Ungerechtigkeit beim „Besuch“ fremder Länder, den sie mit deren Eroberung gleichsetzten, gehe „bis zum Erschrecken weit“. Amerika, die Länder Afrikas, die Gewürzinseln und das Kap hätten für sie als herrenlos gegolten, denn die Einwohner „rechneten sie für nichts“. Die Zuckerinseln nennt er den Sitz der grausamsten Sklaverei.

Damit wendet Kant seinen eigenen Maßstab gegen Europa. Ob er damit auch seine frühere Rangordnung der Rassen aufgegeben hat, ist umstritten; eine ausdrückliche Zurücknahme ist nicht überliefert.

Quellen: Kant, Zum ewigen Frieden, AA VIII 358 f. (korpora.org) · Wikipedia (englisch): Immanuel Kant (Views on race)

Der Streit der Forschung

Wie schwer wiegen diese Stellen für Kants Philosophie? Darauf gibt es keine einhellige Antwort.

Unstrittig ist, dass Kant rassistische und abwertende Aussagen gemacht hat. Strittig ist, was daraus für den Rest seines Denkens folgt. Der Philosoph Charles W. Mills sieht in Kant eine der zentralen Figuren bei der Entstehung des modernen „wissenschaftlichen“ Rassismus und wirft der Forschung vor, diese Seite lange beschönigt zu haben. Robert Bernasconi schreibt Kant die erste wissenschaftliche Definition der Rasse zu. Emmanuel Chukwudi Eze hat in den 1990er Jahren viel dazu beigetragen, dass Philosophen diese Texte überhaupt wieder lesen.

Pauline Kleingeld vertritt die These, Kant habe eine Rangordnung der Rassen mindestens bis Ende der 1780er Jahre verteidigt, seine Ansichten im letzten Jahrzehnt seines Lebens aber deutlich geändert: In „Zum ewigen Frieden“ verwerfe er die Hierarchie und den Kolonialismus, weil beide mit den gleichen Rechten aller unvereinbar seien. Der Philosoph Daniel-Pascal Zorn warnt davor, zugespitzte Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen: Viele stammten aus einem öffentlichen Streit mit Herder und Forster, in dem Kant gegen andere die Einheit der Menschheit verteidigte.

Verliert ein Grundsatz an Kraft, wenn sein Urheber ihn verletzt? Oder zeigt sich gerade darin, was er leistet, weil man ihn gegen den eigenen Urheber wenden kann? Diese Frage muss jede und jeder selbst beantworten.

Quellen: Wikipedia (englisch): Immanuel Kant (Views on race) · Wikipedia: Immanuel Kant (Die Thematik der Rassen)

Kants Ethik im Zusammenhang erklärt das Kapitel Ethik; eine kurze Antwort auf die Frage nach Kants Rassismus steht bei den häufigen Fragen.