Was ist der Mensch?
In der Kritik der reinen Vernunft nennt Kant drei Fragen. In seiner Logik sind es vier, und die vierte nimmt die drei anderen in sich auf.
Die Logik erschien 1800, herausgegeben von Gottlob Benjamin Jäsche, einem Kant nahestehenden Philosophen, als Handbuch zu Kants Logik-Vorlesung. Dort ordnet Kant jeder Frage eine Disziplin zu: Metaphysik, Moral, Religion und für „Was ist der Mensch?“ die Anthropologie. Dann folgt der Satz: „Im Grunde könnte man aber alles dieses zur Anthropologie rechnen, weil sich die drei ersten Fragen auf die letzte beziehen.“ Die Logik hat Jäsche aus Kants Unterlagen zusammengestellt. Von Kants eigener Hand stehen die vier Fragen samt Disziplinen schon 1793 in einem Brief an Carl Friedrich Stäudlin (AA XI 429).
Mit dem Menschen hat sich Kant jahrzehntelang beschäftigt: Seine Vorlesung über Anthropologie hielt er von 1772/73 an, das Buch „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ erschien 1798. Pragmatisch heißt dort: Sie fragt, was der Mensch „als freihandelndes Wesen aus sich selber macht, oder machen kann und soll“.
Quellen: Kant, Logik (1800), AA IX 25 (Orthografie modernisiert) · Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798), AA VII 119 — Kant-Korpus · Brief an Carl Friedrich Stäudlin, 4. Mai 1793, AA XI 429 · Wikipedia: Gottlob Benjamin Jäsche · Wikipedia: Immanuel Kant (Werke zur Anthropologie)
Welche Kapitel und Geräte hinter welcher Tür stehen, ist eine Einteilung zum Lernen, nicht Kants eigene: Viele seiner Gedanken gehören zu mehreren Fragen.
Kapitel und Werke hinter dieser Tür
Zum Lesen und Hören: die Kapitel dieser Frage und die Werke, in denen Kant sie stellt.
Leben
Kindheit im Handwerkerhaus, der lange Weg zur Professur, Tischgesellschaften und der berühmte Tagesablauf.
Lesen Kapitel IVÄsthetik
Das Schöne, das Erhabene und die Zweckmäßigkeit der Natur: die Kritik der Urteilskraft.
Lesen KapitelKant gegen Kant
Die Würde-Formel neben Kants Schriften über Rassen, Frauen und Dienstboten: Einsprüche seiner Zeit und der Streit der Forschung.
Lesen Kapitel VIIIZeitstrahl
1724–1804 und darüber hinaus: Leben, Werke und Weltgeschehen in einer filterbaren Zeitleiste.
Lesen Werk · 1798Anthropologie in pragmatischer Hinsicht
Menschenkenntnis aus einer von Kants beliebtesten Vorlesungen.
Lesen Werk · 1790Kritik der Urteilskraft
Geschmack, das Erhabene und die Zweckmäßigkeit der Natur.
LesenMitmachen hinter dieser Tür
Jedes Gerät stellt dir zuerst eine Frage. Wer die Einsicht dahinter erreicht, bekommt einen Stern auf der Sternkarte.
Kants Tag als Uhr
Vom Wecken um 4:45 Uhr bis zur Nachtruhe: der belegte Tagesablauf, Stunde für Stunde (Teil von „Ein Tag in Königsberg“).
Ausprobieren Karte Stern gesammeltKönigsberg 1763
Acht Orte aus Kants Leben auf dem Stadtplan von 1763, mit seinem Spazierweg.
Ausprobieren Karte Stern gesammeltSternkarte der Vernunft
Jedes Gerät ist ein Stern, jede Tür ein Sternbild: Sieh, was du schon geprüft hast.
Ausprobieren Gerät Stern gesammeltEin Tag in Königsberg
Die Uhr drehen und auf dem Stadtplan von 1763 sehen, wo Kant gerade ist.
Ausprobieren Gerät Stern gesammeltKants Tischgesellschaft
Gäste nach Kants Regel einladen und das Gespräch durch Erzählen, Räsonieren und Scherzen lenken.
Ausprobieren Gespräch Stern gesammeltTischgespräche
Fünf Einwände von Freunden und Briefpartnern: erst Kants Antwort finden, dann selbst urteilen.
Ausprobieren Gerät Stern gesammeltSchön, angenehm oder gut?
Kants Beispiele einordnen: Urteilst du nur für dich oder für jedermann?
Ausprobieren Gerät Stern gesammeltDer Sturm und das Erhabene
Vom Schiff ans sichere Ufer: wann aus Furcht das Gefühl des Erhabenen wird.
Ausprobieren Text Stern gesammeltKant gegen Kant
Kants Würde-Formel neben seinen Schriften über Rasse, Frauen, Todesstrafe und Kolonien.
AusprobierenDie Kacheln entstehen beim Bauen aus dem Werkzeug-Register; die Fundstellen stehen beim jeweiligen Gerät.
Warum die drei Fragen in die vierte münden
Kant begründet es in der Logik nur mit einem Satz. Man kann es aber an seinen drei Antworten ablesen.
- 1Was kann ich wissen?
Erkennen braucht beides: Sinne, die etwas empfangen, und einen Verstand, der es ordnet. Dass unsere Anschauung immer sinnlich ist, liegt nach Kant an unserer Natur (AA III 75).
- 2Was soll ich tun?
Das Sollen trifft ein Wesen, das Vernunft hat und zugleich Neigungen. Für einen heiligen Willen ist es nach Kant „am unrechten Orte“ (AA IV 414).
- 3Was darf ich hoffen?
Hoffen geht auf Glückseligkeit, und die ist für Kant die „Befriedigung aller unserer Neigungen“ (AA III 523): Sie zählt nur für ein Wesen, das Neigungen hat.
Alle drei Antworten setzen dasselbe Wesen voraus: eines, das zugleich Sinne und Vernunft hat. Das ist unsere Lesart, kein Kant-Zitat.
Was das Bild verschweigt
Die Mündung legt nahe, die Anthropologie beantworte am Ende alles. Kants eigenes Buch von 1798 ist aber eine Menschenkunde aus Beobachtung und ersetzt die drei Kritiken nicht. Manche Ausleger, etwa Martin Heidegger 1929, haben die Endlichkeit des Menschen zur Grundlage der ganzen Kritik gemacht; das ist eine Deutung, nicht Kants erklärte Absicht, und die meisten Kant-Forscher, schon Ernst Cassirer, haben sie abgelehnt.
Quellen: Kant, Kritik der reinen Vernunft, AA III 75 (Sinnlichkeit und Verstand) · Grundlegung, AA IV 414 (heiliger Wille) · AA III 523 (Hoffen und Glückseligkeit) — Kant-Korpus · Wikipedia: Immanuel Kant (Grundlegung der Moralphilosophie; Anthropologie in pragmatischer Hinsicht) · Wikipedia: Martin Heidegger (Kantbuch, 1929) · Wikipedia (englisch): Kant and the Problem of Metaphysics (Rezeption)