Immanuel KantLeben · Werk · Wirkung
IIIEthik

Was soll ich tun?

Kants zweite große Frage gilt der Moral. Seine Antwort beginnt nicht bei Geboten, Gefühlen oder Folgen — sondern beim Willen dessen, der handelt.

Titelblatt der Erstausgabe der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Riga 1785
Die „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ (Riga 1785) — Kants schmales Fundament der Ethik.Bild: Immanuel Kant · Public domain · Wikimedia Commons

1785 erscheint die „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ — ein schmales Buch mit gewaltigem Anspruch: Kant will den obersten Grundsatz der Sittlichkeit aufspüren und begründen, unabhängig von Weltbildern, Traditionen und zufälliger Erfahrung. In drei „Übergängen“ führt das Werk von der alltäglichen Moralerfahrung bis zur philosophischen Begründung. Und es beginnt mit einem der berühmtesten Sätze der Philosophiegeschichte:

Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.

Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785), AA IV 393

Talente wie Witz und Urteilskraft, Charakterstärken wie Mut, selbst Glückseligkeit — all das ist für Kant nur bedingt gut: In den Händen eines bösen Willens kann es Schaden anrichten. Der gute Wille dagegen ist nicht gut durch das, was er bewirkt oder erreicht, sondern allein durch sein Wollen — er ist „an sich“ gut. Damit ist der Kurs gesetzt: Moral entscheidet sich innen, nicht am Erfolg.

Quelle: Wikipedia: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten

Aus Pflicht — nicht bloß pflichtgemäß

Ob eine Handlung moralischen Wert hat, entscheidet für Kant nicht ihr Ergebnis, sondern ihr Beweggrund.

Kants bekanntestes Beispiel ist der ehrliche Krämer: Ein Kaufmann, der alle Kunden zum gleichen fairen Preis bedient, handelt äußerlich völlig korrekt. Tut er es aber nur aus Klugheit — weil ehrliche Läden Vertrauen und Stammkunden gewinnen —, dann handelt er bloß „pflichtgemäß“: Die Handlung stimmt mit der Pflicht überein, ihr Motiv aber ist der eigene Vorteil. Moralischen Wert hat dieselbe Handlung erst, wenn der Kaufmann ehrlich ist, weil er niemanden übervorteilen will — wenn er „aus Pflicht“ handelt. Die wirtschaftlichen Vorteile sind dann bloß ein Nebeneffekt.

Ein und dieselbe sichtbare Handlung kann also moralisch völlig verschieden wiegen — je nachdem, welche Maxime ihr zugrunde liegt. Die bloße äußere Übereinstimmung mit der Pflicht nennt Kant Legalität, das Handeln aus Einsicht in die Pflicht Moralität. Wichtig: Pflicht ist bei Kant kein fremder Befehl von oben, sondern eine Nötigung, die aus der eigenen Vernunfteinsicht entsteht.

Quellen: Wikipedia: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (Pflicht, Krämer-Beispiel, Maxime) · Wikipedia: Kategorischer Imperativ

Motiv-Röntgen

Zwei gute Taten unter dem Röntgenschirm

Ausgedachte Szene nach Kants Beispielen in der Grundlegung (AA IV 397 f.).

Der Krämer gibt einem Kind genauso ehrlich heraus wie jedem Erwachsenen.

pflichtmäßig

Die Menschenfreundin hilft einem Nachbarn, weil es ihr Freude macht.

pflichtmäßig

1 · Dein Urteil

Beide tun, was sich gehört. Welche Tat hat mehr moralischen Wert? Tippe deine Antwort an.

Quellen: Kant, Grundlegung, AA IV 397 (korpora.org) · AA IV 398 · AA IV 407 · Religionsschrift, AA VI 23 f. Anm. · Schiller, „Gewissensskrupel“ (Zeno.org) · Schiller, „Decisum“ (Zeno.org) · Wikipedia: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten · Wikipedia: Über Anmut und Würde

Der kategorische Imperativ

Wie prüfe ich, ob meine Maxime moralisch taugt? Kants Antwort ist kein Katalog von Geboten, sondern ein Testverfahren.

Sollens-Sätze nennt Kant Imperative — und er unterscheidet zwei grundverschiedene Arten:

Hypothetischer Imperativ
Gilt nur unter der Bedingung eines Zwecks: „Wenn du gesund bleiben willst, iss nicht zu viel Schokolade.“ Solche Geschicklichkeits- und Klugheitsregeln verpflichten moralisch niemanden — wer den Zweck aufgibt, ist auch die Regel los.
Kategorischer Imperativ
Gebietet unbedingt, unabhängig von Zwecken und Neigungen. Er verpflichtet nicht durch den Inhalt einer Handlung, sondern durch ihre Form — die Verallgemeinerbarkeit der Maxime — und gilt für jedes vernünftige Wesen.
Der Test
Maxime formulieren → in Gedanken zum allgemeinen Gesetz machen → auf Widerspruch prüfen. Scheitert die Maxime schon im Denken (würden alle falsche Versprechen geben, glaubte niemand mehr Versprechen — der Begriff zerstört sich selbst), verletzt sie eine vollkommene Pflicht; lässt sie sich nur nicht widerspruchsfrei wollen, eine unvollkommene.
Nicht die Goldene Regel
„Was du nicht willst, das man dir tu …“ misst Handlungen an den eigenen Wünschen. Kant hielt sie für trivial: Sie sei nur aus dem kategorischen Imperativ abgeleitet und könne kein allgemeines Gesetz sein, weil sie weder Pflichten gegen sich selbst noch Liebespflichten begründe (AA IV 430, Fußnote). Der kategorische Imperativ prüft dagegen Maximen an der Vernunft.

Quellen: Wikipedia: Kategorischer Imperativ · Wikipedia: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten

Kant betont, dass es nur einen kategorischen Imperativ gibt. Die berühmten Formeln der Grundlegung beleuchten dasselbe Prinzip aus verschiedenen Richtungen:

  1. 1
    Universalisierungsformel

    „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“ (AA IV 421) Die Grundformel: Was für mich gelten soll, muss sich als Gesetz für alle denken — und wollen — lassen.

  2. 2
    Naturgesetzformel

    „Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetze werden sollte.“ (AA IV 421) Ein Anschauungstest: Stell dir eine Welt vor, in der deine Regel so ausnahmslos gilt wie die Schwerkraft — funktioniert sie dann noch?

  3. 3
    Menschheitsformel (Selbstzweckformel)

    „Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ (AA IV 429) Menschen dürfen nie bloß benutzt werden — der Kern dessen, was wir heute Menschenwürde nennen.

  4. 4
    Autonomie und Reich der Zwecke

    Sinngemäß (AA IV 434): Handle nur so, dass der Wille durch seine Maxime sich selbst zugleich als allgemein gesetzgebend betrachten kann. Der Wille gehorcht keinem fremden Gesetz, sondern seinem eigenen — Autonomie statt Heteronomie. Alle Selbstgesetzgeber zusammen bilden das ideale „Reich der Zwecke“, dessen gesetzgebendes Glied jeder Handelnde sein soll.

Quellen: Wikipedia: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (Formeln, AA IV 421–439) · Wikipedia: Kategorischer Imperativ (Formeln)

Probier es aus: der dreifache Maximen-Prüfstand

Theorie verstanden? Schick eine Maxime durch drei Proben, eine je Formel: Naturgesetz, Selbstzweck und Reich der Zwecke. Kants eigene Beispiele sind dabei, dazu eine Gegenprobe.

Dreifacher Maximen-Prüfstand

Hält deine Regel als Gesetz für alle?

Wähle eine Maxime. Lege zuerst fest, was du erwartest, dann schick sie durch drei Stationen.

Wenn ich in Geldnot bin, leihe ich mir Geld und verspreche die Rückzahlung, obwohl ich weiß, dass ich nie zahlen werde.
Kants Beispiel, AA IV 422

Deine Vermutung

Was erwartest du, wenn alle nach dieser Regel handeln?

Für Neugierige

Warum handeln wir trotzdem gegen solche Regeln? Kant: „Wenn wir nun auf uns selbst bei jeder Übertretung einer Pflicht Acht haben, so finden wir, daß wir wirklich nicht wollen, es solle unsere Maxime ein allgemeines Gesetz werden“; „nur nehmen wir uns die Freiheit, für uns oder (auch nur für diesesmal) zum Vorteil unserer Neigung davon eine Ausnahme zu machen“ (AA IV 424). Die Unterscheidung der zwei Widersprüche: Manche Maximen können „ohne Widerspruch nicht einmal als allgemeines Naturgesetz gedacht werden“, bei anderen „ist es doch unmöglich, zu wollen“, dass sie es werden (AA IV 424).

Quellen: Kant, Grundlegung, AA IV 421 (korpora.org) · AA IV 422 · AA IV 423 · AA IV 424 · AA IV 398 · AA IV 429 · AA IV 430 · AA IV 433 · AA IV 436 · Wikipedia: Kategorischer Imperativ (Formeln, Rezeption: Hegel)

Oft wird der kategorische Imperativ mit der Goldenen Regel verwechselt. Kant hat sich in einer Fußnote der Grundlegung selbst davon abgegrenzt, mit zwei Fällen, die du hier prüfen kannst.

Die Goldene-Regel-Falle

Zwei, die mit der Goldenen Regel durchkommen

„Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Das klingt wie der kategorische Imperativ. Kant widerspricht in einer Fußnote und nennt dort selbst zwei Fälle (AA IV 430 Anm.).

Vor Gericht

Ein Verurteilter sagt zum Richter: „Sie wollen doch auch nicht ins Gefängnis. Also dürfen Sie mich nicht verurteilen.“

Kann er sich nach Kants Einwand auf die Goldene Regel berufen?

Der Gleichgültige

Jemand sagt: „Ich will von niemandem Hilfe. Dafür helfe ich auch keinem.“

Verletzt er nach Kant die Goldene Regel?

Quellen: Kant, Grundlegung, AA IV 430 Anm. (korpora.org) · Wikipedia: Goldene Regel

Quelle: Wikipedia: Kategorischer Imperativ (Prüfverfahren, Goldene Regel)

Und jetzt deine eigene Maxime

Kants Beispiele sind durchgespielt — wie steht es mit einer Regel aus deinem Alltag? Der Prüfer stellt dir Kants Fragen der Reihe nach.

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Quellen: Wikipedia: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (vollkommene und unvollkommene Pflichten) · Wikipedia: Kategorischer Imperativ (Menschheitsformel)

Dilemma-Werkstatt: erst du, dann Kant

Acht Fälle, vom Krämer bis zum Mörder an der Tür. Du entscheidest zuerst; danach siehst du Kants Urteil und, wo sie belegt ist, eine Gegenstimme.

Der Sokrates-Spiegel in der Werkstatt ist nach Sokrates benannt, der im Gespräch prüfte, ob die Überzeugungen seines Gegenübers zueinander passen. Der Spiegel tut etwas Ähnliches mit deinen eigenen Urteilen: Ziehen zwei von ihnen in verschiedene Richtungen, stellt er sie nebeneinander und fragt, worin sich die Fälle unterscheiden. Er sagt nicht, welches Urteil das richtige ist.

Quelle: Wikipedia: Sokratische Methode (Elenchos)

Die Fälle sind als kleine Szenen nach Kants Schriften erzählt; „Brötchen beim Bäcker“ wendet seine Formel an, Kant bespricht diesen Fall nicht.

Quellen: Wikipedia: Utilitarismus · Wikipedia: Jeremy Bentham

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Die Kritik der praktischen Vernunft

Drei Jahre nach der Grundlegung baut Kant seine Ethik systematisch aus — und verbindet Moral, Freiheit und Hoffnung.

Titelblatt der Erstausgabe der Kritik der praktischen Vernunft, Riga 1788
Die „Kritik der praktischen Vernunft“ (Riga 1788), die zweite der drei Kritiken.Bild: Immanuel Kant · Public domain · Wikimedia Commons

1788 erscheint in Riga die „Kritik der praktischen Vernunft“. Ihr „Grundgesetz“ fasst den Imperativ noch einmal: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ (AA V 30) Bemerkenswert ist, wie Kant dieses Gesetz begründet — nämlich gar nicht: Das Bewusstsein des Sittengesetzes ist für ihn ein „Faktum der Vernunft“, das sich aus nichts anderem „herausvernünfteln“ lässt, sondern sich jedem vernünftigen Menschen von selbst aufdrängt.

Freiheit und Moralgesetz stützen sich dabei gegenseitig: Die Freiheit ist der Seinsgrund (ratio essendi) des Sittengesetzes — ohne Freiheit gäbe es kein Sollen. Das Sittengesetz wiederum ist der Erkenntnisgrund (ratio cognoscendi) der Freiheit — erst am unabweisbaren „Du sollst“ erfahre ich, dass ich frei bin. Und weil das „höchste Gut“ — Tugend samt der ihr angemessenen Glückseligkeit — von endlichen Wesen allein nicht zu erreichen ist, muss die praktische Vernunft drei Dinge postulieren:

Freiheit
Vom Sittengesetz selbst vorausgesetzt: Nur ein freier Wille kann aus Pflicht handeln — im praktischen Leben ist Freiheit damit real, auch wenn sie theoretisch unbeweisbar bleibt.
Unsterblichkeit
Die Annäherung an vollkommene Tugend ist ein unendlicher Fortschritt — er verlangt eine Existenz ohne Ende.
Gott
Dass Tugend und Glückseligkeit am Ende zusammenstimmen, kann kein Mensch garantieren — dafür muss eine heilige, intelligente Ursache der Natur gedacht werden.

Postulate sind keine Beweise: Kant behauptet nicht zu wissen, dass es Gott oder Unsterblichkeit gibt — die praktische Vernunft muss sie nur annehmen, damit ihr eigenes Ziel kein leeres Versprechen bleibt. Den Schlusspunkt des Buches bildet dann einer der schönsten Absätze, die Kant je geschrieben hat:

Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.

Kant, Kritik der praktischen Vernunft (1788), Beschluss, AA V 161
Sternenhimmel über der Erde bei Nacht
„Der bestirnte Himmel über mir …“ — Naturgesetz und Moralgesetz, unmittelbar verknüpft mit dem Bewusstsein der eigenen Existenz.Bild: ESO/Y. Beletsky · CC BY 4.0 · Wikimedia Commons
DenkzettelZwei Dinge

Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.

Fundstelle: Kritik der praktischen Vernunft (1788), Beschluss, AA V 161 · Im Original nachlesen

Der berühmteste Satz der zweiten Kritik steht ganz am Ende. Der Himmel oben auf dieser Webseite und das Sternbild im Logo spielen darauf an.

Neu in deinem Logbuch · Zur Sammlung

Quelle: Wikipedia: Kritik der praktischen Vernunft (Faktum der Vernunft, Postulate, Beschluss)

Härtefall: Lügen aus Menschenliebe?

Wie ernst Kant das Unbedingte seiner Ethik meint, zeigt ein kleiner Aufsatz von 1797 — bis heute eine der meistdiskutierten Stellen seines Werks.

Der französisch-schweizerische Denker Benjamin Constant hielt Kant entgegen: Ein Grundsatz, nach dem man sogar einem Mörder, der fragt, ob sich der von ihm verfolgte Freund im Haus versteckt, die Wahrheit sagen müsste, mache jede Gesellschaft unmöglich. Pflichten entsprächen Rechten — und auf eine Wahrheit, die anderen schadet, habe niemand ein Recht. Die Notlüge aus Menschenliebe sei also erlaubt.

Kant antwortet 1797 mit dem Aufsatz „Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen“ — und bleibt hart: Wahrhaftigkeit ist für ihn hier keine bloße Tugendpflicht, sondern eine unbedingte Rechtspflicht, ein „heiliges, unbedingt gebietendes, durch keine Konvenienzen einzuschränkendes Vernunftgebot“ (AA VIII 427). Die Lüge schade jederzeit — „wenn gleich nicht einem andern Menschen, doch der Menschheit überhaupt“, weil sie „die Rechtsquelle unbrauchbar macht“ (AA VIII 426): Wer lügt, und sei es im besten Gewissen, untergräbt das Vertrauen in Erklärungen überhaupt — und damit das Fundament, auf dem alles Recht steht. Ausnahmen, so Kant, würden „die Allgemeinheit vernichten, derentwegen allein sie den Namen der Grundsätze führen“ (AA VIII 430).

Kant spielt in seinem Aufsatz selbst durch, was aus einer Lüge an der Tür folgen kann, und kommt dabei zu einem Argument über die Haftung für unvorhergesehene Folgen.

Der Mörder an der Tür

Es klopft. Was sagst du?

Kants Fall aus dem Aufsatz von 1797 (AA VIII 425–427); die Szene ist ausgemalt.

Dein Freund hat sich vor einem Verfolger in dein Haus geflüchtet. Jetzt steht der Verfolger vor der Tür und fragt, ob dein Freund bei dir ist. Er will ihn töten.

1 · Dein Zug

Wähle, was du tust.

Quellen: Kant, Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen, AA VIII 425 (korpora.org) · AA VIII 426 · AA VIII 427 · Wikipedia: Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen · Wikipedia: Benjamin Constant

Quelle: Wikipedia: Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen (Rezeption; Schopenhauer: Die beiden Grundprobleme der Ethik, § 17)

Was von Kants Ethik bleibt

Kaum ein Moralphilosoph wird bis heute so intensiv weitergedacht — zustimmend wie widersprechend.

Die Einwände kamen früh und blieben prominent: Hegel hielt den kategorischen Imperativ für ein bloß formales Prinzip, das fast beliebige Inhalte passieren lasse; Schopenhauer bezweifelte, dass hinter dem „Du sollst“ mehr steckt als ein theologisches Erbstück, und hielt den Imperativ für verkappt hypothetisch und egoistisch; Kierkegaard fürchtete, dass ein Wille, der sein eigener Gesetzgeber ist, ohne Autorität über sich, Raum für Selbsttäuschung lässt; und Constants Mörder an der Tür hat die Seminare nie verlassen. Doch gerade an der Auseinandersetzung zeigt sich die Kraft des Ansatzes: Jürgen Habermas formte den Imperativ zur Diskursethik um — geprüft wird nicht mehr einsam im eigenen Kopf, sondern dialogisch, im herrschaftsfreien Diskurs aller Betroffenen. Hans Jonas entwarf einen neuen Imperativ für das technologische Zeitalter, der die Folgen unseres Handelns für künftige Generationen einbezieht.

Und die Menschheitsformel wirkt am längsten nach: Dass jeder Mensch Zweck an sich selbst ist und nie bloß Mittel sein darf — dass Würde auf der Autonomie beruht, sich selbst das Gesetz zu geben —, ist bis heute der klassische Bezugspunkt, wo immer über Menschenwürde und Selbstbestimmung gestritten wird. Wie Kant vom moralischen Gesetz im Einzelnen zum Recht und zum Frieden zwischen Staaten kommt, zeigt Kapitel V; sein ästhetisches Gegenstück findet die Ethik in Kapitel IV.

Quellen: Wikipedia: Kategorischer Imperativ (Rezeption: Hegel, Schopenhauer, Habermas, Jonas) · Wikipedia (en): Categorical imperative (Criticism: Schopenhauer, Kierkegaard) · Wikipedia: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (Autonomie und Würde)