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VIAufklärung

Was ist Aufklärung?

Eine Fußnote in einer Berliner Zeitschrift stellt 1783 eine scheinbar simple Frage — und Kant antwortet mit einem Text, der zum Manifest einer ganzen Epoche wird.

Erste Seite von Kants Aufsatz „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ in der Ausgabe von Tieftrunk (Immanuel Kants vermischte Schriften, Bd. 2, Halle 1799)
Der Beginn des Aufsatzes in der Druckfassung von 1799 (Erstdruck: Berlinische Monatsschrift, Dezember 1784).Bild: unbekannt / unknown · Public domain · Wikimedia Commons

Die Geschichte beginnt mit einem Streit über die Ehe. Im September 1783 schlägt Johann Erich Biester, Mitherausgeber der Berlinischen Monatsschrift, vor, bei Eheschließungen künftig auf die Geistlichkeit zu verzichten. Der Berliner Pfarrer Johann Friedrich Zöllner widerspricht — und stellt in einer Fußnote seiner Erwiderung im Dezember 1783 ganz nebenbei die Frage: „Was ist Aufklärung?“ Sein Punkt: Alle Welt rede seit Jahrzehnten von Aufklärung, aber eine klare Antwort darauf, was das eigentlich sei, habe noch niemand gegeben.

Die Fußnote wird zur Leitfrage der Epoche. Mehrere Gelehrte antworten in der Berlinischen Monatsschrift — doch berühmt wird die Antwort aus Königsberg: In der Dezemberausgabe 1784 erscheint Kants „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, heute eine der bekanntesten Schriften der deutschsprachigen Aufklärung überhaupt.

Quelle: Wikipedia: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?

Die berühmte Definition

Kant verschwendet keine Zeile: Der Aufsatz beginnt mit der Definition, die zum bekanntesten Satz der Epoche werden sollte.

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784), AA VIII 35

Jedes Wort dieser Definition trägt. Aufklärung ist für Kant kein Zustand und kein Besitz, sondern ein „Ausgang“ — eine Bewegung, die jeder selbst vollziehen muss. Und das Hindernis liegt nicht draußen, sondern in uns:

  1. 1
    Unmündigkeit

    Unmündig ist, wer seinen Verstand nicht ohne fremde Leitung gebraucht — wie ein Kind, für das andere entscheiden. Das Vermögen zu denken fehlt dabei gar nicht; es wird nur nicht benutzt.

  2. 2
    Selbstverschuldet

    Genau darum ist diese Unmündigkeit selbstverschuldet: Ihre Ursache ist kein „Mangel des Verstandes“, sondern ein Mangel an Entschluss und Mut, ihn zu gebrauchen. Wer denken könnte, aber andere denken lässt, trägt die Verantwortung selbst.

  3. 3
    Faulheit und Feigheit

    „Faulheit und Feigheit“ nennt Kant als Gründe, warum so viele Menschen zeitlebens gerne unmündig bleiben — und warum andere sich so leicht zu ihren Vormündern aufwerfen. Unmündigkeit ist bequem: Ein Buch, das für mich Verstand hat, ein Seelsorger, der für mich Gewissen hat, ein Arzt, der meine Diät beurteilt — und das „verdrießliche Geschäft“ des Selbstdenkens erledigen andere.

  4. 4
    Sapere aude!

    Der Wahlspruch der Aufklärung ist deshalb ein Appell an den Mut, nicht an die Intelligenz: „Habe Muth dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Aufklärung beginnt nicht mit mehr Wissen, sondern mit der Entscheidung, selbst zu urteilen.

Quellen: Wikipedia: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? · Volltext des Aufsatzes auf Wikisource

Ausbruch aus dem Gängelwagen

Für die bequeme Unmündigkeit wählt Kant ein Bild aus der Kinderstube.

Ein Gängelwagen war ein Laufgestell auf Rädern, in dem kleine Kinder das Gehen lernen sollten. „Gängeln“ hieß ursprünglich schlicht „beim Gehen führen“; seinen abwertenden Klang bekam das Wort erst im 18. Jahrhundert. Kant macht daraus ein scharfes Bild: Die Vormünder hätten ihr „Hausvieh“ zuerst dumm gemacht und sorgfältig verhütet, dass diese ruhigen Geschöpfe einen Schritt außerhalb des Gängelwagens wagen, in den sie sie eingesperrt hatten. Danach zeigten sie ihnen die Gefahr, die droht, wenn sie allein zu gehen versuchen.

Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.

Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784), AA VIII 35 f.

Kants Vormünder sind keine Tyrannen, sondern bequeme Helfer: ein Buch, ein Seelsorger, ein Arzt. „Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“ Die eigentlichen Fesseln sind für Kant „Satzungen und Formeln“, die „Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit“: Wer sie abwürfe, täte selbst über den schmalsten Graben „einen nur unsicheren Sprung“, weil er freie Bewegung nicht gewohnt ist. Welche Helfer das heute wären, sagt der Text von 1784 natürlich nicht. Navi, Suchmaschine und KI sind unsere Übertragung, und ob sie Vormünder oder Werkzeuge sind, ist eine offene Frage.

Gerät

Die Bänder des Gängelwagens

Navi, Suchmaschine, KI: Machen solche Helfer dich unmündig?

Der Wagen steht. Alle sechs Bänder halten.

Sechs Helfer halten dich an Bändern fest: drei aus Kants Text, drei von heute. Entscheide bei jedem Band, ob du es löst und selbst prüfst oder ob du dich darauf verlässt. Richtig oder falsch gibt es dabei nicht.

Ohne JavaScript lassen sich die Bänder nicht lösen; Kants Antwort und die Gegenstimme stehen unten.

  1. Buch „das für mich Verstand hat“ Kant, AA VIII 35
  2. Seelsorger „der für mich Gewissen hat“ Kant, AA VIII 35
  3. Arzt „der für mich die Diät beurteilt“ Kant, AA VIII 35
  4. Navi das für mich den Weg weiß Übertragung, nicht Kant
  5. Suchmaschine die für mich auswählt, was ich lese Übertragung, nicht Kant
  6. KI die für mich formuliert, was ich denke Übertragung, nicht Kant

0 von 6 entschieden

Erst dein Urteil und alle sechs Bänder, dann Kants Antwort.
Dein Urteil

Leg dich oben fest und entscheide die Bänder, dann steht hier dein Urteil.

Kant

Kant verbietet weder Bücher noch Ärzte. Sein Einwand gilt dem Buch, „das für mich Verstand hat“: Unmündig ist, wer sich aus Bequemlichkeit führen lässt, obwohl er selbst urteilen könnte. „Es ist so bequem, unmündig zu sein.“ Und: „Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann.“

Was ist Aufklärung? (1784), AA VIII 35 f.

Gegenstimme

Andy Clark und David Chalmers (1998) halten dagegen, dass ein Hilfsmittel zum eigenen Denken gehören kann. Ihr Beispiel ist der ausgedachte Otto, der wegen einer Alzheimer-Erkrankung ein Notizbuch als Gedächtnis benutzt und damit den Weg ins Museum findet wie andere mit ihrer Erinnerung. Auf heute übertragen wäre ein verlässliches Navi dann eher ein Stück Gedächtnis als ein Vormund.

These des erweiterten Geistes, The Extended Mind (1998)

Verständnisfrage: Was macht für Kant ein Buch zum Vormund?

Quellen: Kant, Was ist Aufklärung?, AA VIII 35 (korpora.org) · AA VIII 36 (korpora.org) · Wikipedia: Lauflernhilfe (Gängelwagen, Wortgeschichte) · Wikipedia: Erweiterter Geist (Clark/Chalmers 1998, Otto)

Öffentlich oder privat?

Der zweite Geniestreich des Aufsatzes ist eine Unterscheidung — und sie ist genau andersherum gemeint, als man heute denkt.

Gerät

Öffentlich oder privat?

Ein Pfarrer predigt vor zweitausend Menschen in seiner Kirche. Derselbe Pfarrer schreibt einen Aufsatz für eine Zeitschrift. Was davon ist für dich der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft?

Kant

Für Kant ist es der Aufsatz. Die Predigt vor der Gemeinde ist „bloß ein Privatgebrauch“, weil die Gemeinde „immer nur eine häusliche, obzwar noch so große Versammlung ist“ (AA VIII 38). Öffentlich ist der Gebrauch, den jemand „als Gelehrter“ von seiner Vernunft „vor dem ganzen Publikum der Leserwelt macht“ (AA VIII 37).

Jetzt sortieren: Kants drei Beispiele, jedes zweimal. Wähle bei jeder Karte, ob die Person dort gebunden ist oder frei.

Ohne JavaScript steht unter jeder Karte gleich Kants Zuordnung.

Noch zu sortieren

  • Ein Offizier hält einen Befehl für unsinnig. Im Dienst führt er ihn aus, ohne zu widersprechen.

    Kant: gebunden (Privatgebrauch). Im Dienst über die Zweckmäßigkeit eines Befehls „laut vernünfteln“ zu wollen, wäre „sehr verderblich“: „er muss gehorchen“ (AA VIII 37).

  • Derselbe Offizier schreibt als Kenner eine Abhandlung über die Fehler im Kriegsdienst und legt sie dem Publikum vor.

    Kant: frei (öffentlicher Gebrauch). Das kann ihm „billigermaßen nicht verwehrt werden“: „als Gelehrter über die Fehler im Kriegesdienste Anmerkungen zu machen“ (AA VIII 37).

  • Ein Bürger hält eine neue Abgabe für ungerecht. Zahlen muss er sie trotzdem.

    Kant: gebunden (Privatgebrauch). „Der Bürger kann sich nicht weigern, die ihm auferlegten Abgaben zu leisten“ (AA VIII 37). Streng genommen hat er kein Amt; Kant stellt ihn trotzdem in dieselbe Reihe wie Offizier und Geistlichen.

  • Derselbe Bürger veröffentlicht einen Aufsatz gegen die Ungerechtigkeit dieser Abgabe.

    Kant: frei (öffentlicher Gebrauch). Er handelt „der Pflicht eines Bürgers nicht entgegen, wenn er als Gelehrter“ gegen solche Ausschreibungen „öffentlich seine Gedanken äußert“ (AA VIII 37 f.).

  • Ein Pfarrer lehrt seine Gemeinde, was seine Kirche lehrt, auch wo er selbst zweifelt.

    Kant: gebunden (Privatgebrauch). Vor der Gemeinde ist das „bloß ein Privatgebrauch“; dort „ist er als Priester nicht frei und darf es auch nicht sein, weil er einen fremden Auftrag ausrichtet“ (AA VIII 38).

  • Derselbe Pfarrer schreibt als Gelehrter über das, was er am Bekenntnis seiner Kirche für fehlerhaft hält.

    Kant: frei (öffentlicher Gebrauch). Dazu hat er „volle Freiheit, ja sogar den Beruf“ (AA VIII 38).

Gebunden: hier wird gehorcht

Kant: Privatgebrauch

    Frei: vor der ganzen Leserwelt

    Kant: öffentlicher Gebrauch

      0 von 6 richtig zugeordnet

      Quellen: Kant, Was ist Aufklärung?, AA VIII 37 (Offizier, Bürger) · AA VIII 38 (Geistlicher)

      Wie kommt eine ganze Gesellschaft aus der Unmündigkeit heraus, ohne im Chaos zu landen? Kants Antwort steckt in einer berühmten Unterscheidung: „der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muß jederzeit frei sein“ — nur er kann Aufklärung unter Menschen zustande bringen. Der private Gebrauch dagegen darf „öfters sehr enge eingeschränkt“ sein. Verwirrend ist daran nur die Wortwahl: „Öffentlich“ heißt bei Kant der Gebrauch, den jemand als Gelehrter vor dem lesenden Publikum von seiner Vernunft macht — als Privatperson, die schreibt und argumentiert. „Privat“ ist der Vernunftgebrauch ausgerechnet im öffentlichen Amt: Wer eine Funktion im Staat oder in der Kirche übernommen hat, ist dort an Weisungen gebunden.

      Öffentlicher Gebrauch
      Als Gelehrter vor dem Lesepublikum sprechen und schreiben — frei, kritisch, an die ganze Welt gerichtet. Dieser Gebrauch muss „jederzeit frei sein“.
      Privater Gebrauch
      Als Inhaber eines Amtes oder Postens handeln — hier ist Gehorsam gefordert, damit das Gemeinwesen funktioniert.
      Der Offizier
      Im Dienst darf er über Zweckmäßigkeit oder Nützlichkeit eines Befehls nicht räsonieren, sondern muss gehorchen. Als Gelehrter aber darf er die Fehler des Kriegswesens öffentlich analysieren und seinem Publikum zur Beurteilung vorlegen.
      Der Bürger
      Fällige Abgaben und Steuern muss er zahlen — die Pflicht verweigern darf er nicht. Aber öffentlich, als Gelehrter, darf er über die Angemessenheit solcher Auflagen seine Gedanken äußern.
      Der Geistliche
      Seiner Gemeinde und seinen Katechismusschülern trägt er nach dem „Symbol“, dem Bekenntnis seiner Kirche vor — dazu hat er sich verpflichtet. Als Gelehrter aber hat er „volle Freiheit, ja sogar den Beruf“, seine sorgfältig geprüften Gedanken über das Fehlerhafte in diesem Bekenntnis dem Publikum mitzuteilen.

      Die Pointe: Kritik und Gehorsam schließen sich nicht aus — sie haben nur verschiedene Orte. Dieselbe Person kann im Amt loyal funktionieren und zugleich als schreibender Kopf das ganze System infrage stellen. Reform läuft über die Öffentlichkeit, nicht über die Dienstverweigerung.

      Quellen: Wikipedia: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (öffentlicher/privater Vernunftgebrauch) · Volltext des Aufsatzes auf Wikisource (Beispiele: Offizier, Bürger, Geistlicher)

      „Zeitalter der Aufklärung“ — nicht: aufgeklärtes Zeitalter

      Kants nüchterne Diagnose seiner Gegenwart — und ein zweischneidiges Kompliment an den König.

      Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? Kants Antwort ist ein klares Nein — „aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung“. Der Unterschied ist sein ganzes Programm: Noch fehlt viel, bis die Menschen ihren Verstand ohne fremde Leitung sicher gebrauchen. Aber das Feld wird gerade geöffnet, die Hindernisse werden weniger. Dieses Zeitalter der Aufklärung nennt Kant auch „das Jahrhundert Friederichs“ — und würdigt Friedrich II. als einen Monarchen, der es für Pflicht hält, den Menschen in Religionsdingen nichts vorzuschreiben.

      Nur ein einziger Herr in der Welt sagt: räsonnirt, so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt; aber gehorcht!

      Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784), AA VIII 37 — nach üblicher Deutung über Friedrich II.

      Der Satz ist Lob und Stachel zugleich: Denkfreiheit ja — aber unter der Bedingung des Gehorsams. Kant nimmt das Angebot an und dreht es um: Wo der öffentliche Vernunftgebrauch frei ist, hat ein freiheitliches Gemeinwesen von der Aufklärung nichts zu befürchten. Ein Monarch aber, der selbst festlegen wollte, welche Schriften erlaubt und welche verboten sind, setzte sich nur selbst herab — „Caesar non est supra grammaticos“: Auch der Kaiser steht nicht über den Grammatikern.

      Den „Hauptpunkt der Aufklärung“ setzt Kant ausdrücklich „vorzüglich in Religionssachen“ — hier ist die Unmündigkeit für ihn „die schädlichste, also auch die entehrendste unter allen“ — während die Herrscher in Künsten und Wissenschaften kein Interesse haben, den Vormund zu spielen. Deshalb sein schärfstes Argument gegen geistlichen Stillstand: Keine Kirchenversammlung darf sich auf ein unveränderliches Bekenntnis verpflichten und damit auch alle künftigen Generationen festlegen. Jede Generation muss selbst prüfen dürfen — alles andere wäre „ein Verbrechen wider die menschliche Natur“, deren Bestimmung gerade im Fortschreiten der Aufklärung liegt.

      Quellen: Wikipedia: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (Friedrich II., Religionssachen) · Volltext des Aufsatzes auf Wikisource

      Kontext, Echo, Ausblick

      Kant war nicht der Einzige, der antwortete — und die Debatte um seinen Text ist bis heute nicht beendet.

      Kurioserweise war Kant nicht einmal der Erste: Schon in der Septemberausgabe 1784 hatte der Berliner Philosoph Moses Mendelssohn in derselben Zeitschrift seine Antwort veröffentlicht, den Aufsatz „Ueber die Frage: was heißt aufklären?“. Kant hatte Mendelssohns Text beim Schreiben noch nicht gelesen — in einer Anmerkung am Schluss erklärt er, er habe erst am 30. September 1784 aus einer Anzeige davon erfahren; sonst hätte er seinen eigenen Aufsatz zurückgehalten. Zum Glück für die Philosophiegeschichte steht sein Aufsatz trotzdem: So besitzen wir zwei unabhängige Antworten auf dieselbe Frage.

      Zweihundert Jahre später griff Michel Foucault die Frage wieder auf: 1984 veröffentlichte er einen Essay unter demselben Titel. Er kehrte Kants Argumentation dabei in weiten Teilen um — und kam doch zu dem Schluss, dass Aufklärung weiterhin „Arbeit an unseren Grenzen“ verlangt: eine Haltung, kein abgeschlossenes Projekt.

      Ein kurzer Ausblick: Zehn Jahre später, 1794, erschien — wieder in der Berlinischen Monatsschrift — Kants Schrift „Das Ende aller Dinge“. Das fromme Thema vom Übergang aus der Zeit in die Ewigkeit behandelt er darin mit spürbarer Ironie: Er unterscheidet ein natürliches, den moralischen Zwecken gemäßes Ende, ein mystisches, das wir nicht begreifen, und ein widernatürliches, das wir durch Missverstand des Endzwecks selbst herbeiführen — eine Schrift, die er seinem Herausgeber gegenüber als „teils kläglich teils lustig zu lesen“ ankündigte (Brief vom 10. April 1794).

      Quellen: Wikipedia: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (Mendelssohn, Foucault) · Wikipedia: Das Ende aller Dinge

      Mut zum Selbstdenken — heute?

      Ein Text von 1784, gelesen im Medienzeitalter.

      Wie Kant sich das Fortschreiten der Aufklärung im Großen vorstellte — zwischen Staaten und über Generationen hinweg —, zeigt das Kapitel Frieden & Politik; die Schrift von 1784 im Werkkontext findet sich im Kapitel Werke.

      Quelle: Wikipedia: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?