Das Schöne, das Erhabene und die Zwecke der Natur
Nach der Vernunft des Wissens und der Vernunft des Handelns fehlt Kants System noch ein Stück: eine Brücke. Sie zu bauen ist die Aufgabe seiner dritten Kritik.
Die beiden ersten Kritiken haben zwei Welten vermessen, die einander nicht berühren: Die „Kritik der reinen Vernunft“ zeigt eine Natur, in der alles nach notwendigen Gesetzen geschieht; die „Kritik der praktischen Vernunft“ eine moralische Welt, in der Freiheit gebietet. Sollen Sinnenwelt und Moral nicht unversöhnlich nebeneinanderstehen, braucht es eine Vermittlung — eine Brücke über die Kluft. 1790 erscheint dafür die „Kritik der Urteilskraft“, und ihre Brückenbauerin ist ein eigenes Vermögen des Gemüts: die Urteilskraft, die Besonderes und Allgemeines zusammenbringt.
- Bestimmende Urteilskraft
- Das Allgemeine ist schon da — Regel, Gesetz, Begriff — und der Einzelfall wird darunter eingeordnet. So arbeitet etwa die Naturwissenschaft, wenn sie eine Beobachtung unter ein bekanntes Gesetz bringt.
- Reflektierende Urteilskraft
- Nur das Besondere ist gegeben — und das passende Allgemeine muss erst gesucht werden. Ihr gilt das ganze Buch: Sie ist am Werk, wenn wir etwas schön nennen oder einen Organismus als zweckmäßig begreifen.
Ihr eigenes Prinzip bringt die reflektierende Urteilskraft a priori mit: die Zweckmäßigkeit — die Erwartung, in der Natur nicht Chaos, sondern Ordnung und Zusammenstimmung vorzufinden. An diesem Leitfaden untersucht Kant zwei Erfahrungsfelder: das ästhetische Urteil über das Schöne und Erhabene im ersten Teil, das teleologische Urteil über die Zwecke der Natur im zweiten.
Das Geschmacksurteil
„Das ist schön“ — was für ein Urteil ist das eigentlich? Kants Antwort ist bis heute eine der einflussreichsten Analysen des Geschmacks.
Ordne jedes Ding ein: Ist es angenehm, schön oder gut? Kants zwei Prüffragen helfen dir. Dann siehst du, wie Kant selbst urteilt.
Ein Glas Kanariensekt
Kants zwei Prüffragen
- Brauchst du einen Begriff davon, was das Ding sein soll oder wozu es dient? Dann ist es gut (nützlich oder an sich gut). § 4, AA V 207
- Sprichst du nur für dich, oder mutest du jedem dasselbe Urteil zu? Nur für dich: angenehm. Für jedermann, ohne Begriff: schön. § 7, AA V 212
„Angenehm heißt jemandem das, was ihn vergnügt; schön, was ihm bloß gefällt; gut, was geschätzt, gebilligt … wird.“
Was das Bild verschweigt
Die Knöpfe tun so, als läge die Antwort im Ding. Für Kant liegt sie in der Art, wie du urteilst: Dieselbe Rose kann angenehm (gerochen) oder schön (angeschaut) sein. Und „schön“ heißt nicht, dass alle zustimmen werden; du mutest es ihnen nur zu.
Quellen: Kant, KU § 4, AA V 207 · KU § 5, AA V 210 · KU § 7, AA V 212 f. · KU § 8, AA V 215 (alle korpora.org)
Das Geschmacksurteil ist also kein Erkenntnisurteil, mithin nicht logisch, sondern ästhetisch.
Kant, Kritik der Urteilskraft (1790), § 1 (AA V 203)
Wer eine Landschaft oder ein Kunstwerk schön nennt, erkennt nichts über den Gegenstand — er spricht darüber, wie der Gegenstand ihm gegeben ist. Und doch ist dieses Urteil kein bloßer Ausdruck privater Vorliebe. Kant zergliedert es in vier „Momente“, die zusammen erklären, was das Schöne vom bloß Angenehmen unterscheidet:
- Qualität: ohne alles Interesse
- Das Angenehme hängt am Begehren: Uns interessiert, dass der Gegenstand existiert und uns verschafft, was wir mögen. Das Schöne dagegen gefällt in der bloßen Betrachtung — „interesselos“, ohne dass wir etwas vom Gegenstand wollen.
- Quantität: subjektiv — und doch allgemein
- Kein Begriff und kein Beweis erzwingt Schönheit. Trotzdem „sinnt“ das Geschmacksurteil das Wohlgefallen „jedermann an“ (§ 8): Wer etwas schön nennt, spricht nicht nur für sich, sondern erwartet Zustimmung.
- Relation: Zweckmäßigkeit ohne Zweck
- Das Schöne wirkt wie auf unser Erkennen zugeschnitten, als läge ihm ein Zweck zugrunde — ohne dass sich irgendein Zweck angeben ließe. Diese „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“ ist der Kern des ästhetischen Wohlgefallens.
- Modalität: notwendiges Wohlgefallen
- Das Urteil erwartet die Zustimmung der anderen nicht als Mehrheitsgeschmack, sondern mit Notwendigkeit — jeder soll so urteilen können.
Warum aber gefällt das Schöne überhaupt? Kants Erklärung: Am schönen Gegenstand geraten Einbildungskraft und Verstand in ein freies Spiel — die Erkenntniskräfte beleben sich wechselseitig, ohne dass ein Begriff das Spiel beendet. Genau dieser Gedanke, zusammen mit dem paradoxen Status eines Urteils, das subjektiv und doch verallgemeinerbar ist, macht Kants Ästhetik bis heute für das Verständnis moderner Kunst fruchtbar.
Quellen: Wikipedia: Kritik der Urteilskraft (Geschmacksurteil, freies Spiel, Rezeption) · Wikipedia: Erhabenheit (Kant: Gefallen in bloßer Beurteilung)
Das Erhabene
Sturm, Gebirge, Sternenhimmel: Manches in der Natur überwältigt uns — und richtet uns gerade dadurch auf.
Ein Orkan über dem Meer, Wellen höher als ein Haus. Leg dich erst fest, dann zieh den Regler.
Wann wird dieser Anblick für dich erhaben?
Drei Stimmen
Erhaben wird der Sturm erst in Sicherheit; dann entdeckt die Vernunft ihre Überlegenheit über die Natur (AA V 261 f.).
Edmund Burke (Philosophical Enquiry): Das Erhabene kann Grauen wecken; Lust entsteht, weil wir wissen, dass uns die Gefahr nicht wirklich trifft. Burke erklärt es aus der Wirkung auf unsere Gefühle.
Was das Bild verschweigt
Der Regler macht aus Kants Gedanken einen Ortswechsel. Entscheidend ist bei Kant aber nicht der Abstand in Metern, sondern dass die Furcht nicht ernst ist und die Vernunft sich ihrer eigenen Bestimmung bewusst wird. „Also ist die Erhabenheit in keinem Dinge der Natur, sondern nur in unserm Gemüte enthalten“ (AA V 264). Gemeint ist auch kein Nervenkitzel wie in der Achterbahn.
Quellen: Kant, KU § 28, AA V 260–262 (korpora.org) · AA V 264 · Wikipedia (englisch): Sublime (philosophy), Abschnitt Edmund Burke
Neben dem Schönen kennt die ästhetische Urteilskraft eine zweite, dunklere Erfahrung. Erhaben nennt Kant, „was schlechthin groß ist“ — groß über alle Vergleichung. Er unterscheidet zwei Gestalten: Das mathematisch Erhabene betrifft die schiere Größe, die jedes Maß sprengt — etwa die endlose Weite des Sternenhimmels. Das dynamisch Erhabene betrifft die Macht, der unser Widerstand nichts entgegenzusetzen hat — die tosende Naturgewalt.
Anders als das Schöne, das an begrenzter Form hängt und spielerisch das Leben befördert, ist das Erhabene formlos und ernst: Es beginnt mit einer „augenblicklichen Hemmung der Lebenskräfte“, auf die eine „desto stärkere Ergießung derselben“ folgt (§ 23). Kant beschreibt damit eine Erfahrung in drei Schritten:
- 1Die Sinne scheitern
Vor dem Übergroßen oder Übermächtigen versagt die Anschauung: Die Einbildungskraft kann das Ganze nicht mehr in ein Bild fassen — der Mensch erfährt seine sinnliche Ohnmacht.
- 2Die Vernunft antwortet
Doch dass wir das Unbegrenzte überhaupt denken können, verrät ein Vermögen, das jeden Maßstab der Sinne übersteigt: die Vernunft mit ihren Ideen.
- 3Die Wendung
Die Unterlegenheit der Sinne schlägt um ins Bewusstsein moralisch-geistiger Überlegenheit: Keine Naturmacht reicht an die Bestimmung des Menschen als freies Vernunftwesen heran. Aus Unlust wird eine eigentümliche, ernste Lust.
Schön ist das, was in der bloßen Beurteilung … gefällt. … Erhaben ist das, was durch seinen Widerstand gegen das Interesse der Sinne unmittelbar gefällt.
Kant, Kritik der Urteilskraft (1790), Allgemeine Anmerkung nach § 29 (AA V 267)
Streng genommen ist darum nicht der Ozean oder das Gebirge erhaben, sondern das Gemüt, das an ihnen seine eigene Größe entdeckt: „Der weite, durch Stürme empörte Ozean“ ist für sich genommen bloß furchtbar — erhaben wird der Anblick erst durch die Vernunftideen, die er in uns wachruft.
Quellen: Wikipedia: Kritik der Urteilskraft (das Erhabene, Schönes vs. Erhabenes) · Wikipedia: Erhabenheit (Kant: Zitate, Ozean-Beispiel, moralische Überlegenheit)
Genie und Kunst
Wie entsteht Schönes von Menschenhand? Kants Antwort verabschiedet ein jahrtausendealtes Dogma der Kunsttheorie.
Seit der Antike galt Kunst als Nachahmung — Mimesis — der Natur. Kant bricht mit diesem Prinzip und verlegt den schöpferischen Prozess ins Subjekt: Schöne Kunst entspringt dem Genie, einer Naturbegabung, die dem Künstler große Einbildungskraft und Originalität verleiht. Genie ist für Kant keine erlernbare Fertigkeit, sondern eine Naturgabe: „die angeborene Gemütsanlage (ingenium), durch welche die Natur der Kunst die Regel gibt“ (§ 46, AA V 307). Nicht Regelbücher oder Akademien machen Kunst schön; die Regel kommt durch das Genie aus der Natur selbst.
Zugleich ist der Künstler kein bloßes Sprachrohr der Natur: Kunst bleibt „Hervorbringung durch Freiheit“ und schließt Können, Arbeit und Absicht ein. Deshalb braucht das Genie ein zweites Vermögen an seiner Seite — den Geschmack, der Einbildungskraft und Verstand vermittelt und dem originellen Einfall erst Form und Mitteilbarkeit gibt.
Quelle: Wikipedia: Kritik der Urteilskraft (Genie, Abkehr von der Mimesis, Geschmack)
Die Zweckmäßigkeit der Natur
Der zweite Teil des Buches wendet sich vom Kunstwerk zum Lebewesen — und fragt, wie wir Organismen begreifen können.
Ein Uhrwerk versteht man, wenn man Teil für Teil auf seine Ursachen zurückführt. Bei einem Lebewesen reicht das nicht: Seine Teile scheinen füreinander und für das Ganze da zu sein, und das Ganze erhält sich selbst — es wächst, heilt, pflanzt sich fort. Solche Wesen nennt Kant Naturzwecke: Sie zeigen eine innere Zweckmäßigkeit, die sie von bloßen Maschinen unterscheidet und die sich mit mechanischen Ursachen allein nicht fassen lässt.
Aber sind Zwecke damit wirklich in der Natur? Hier zieht Kant eine scharfe Grenze: Zwecke in der Natur können wir „als absichtliche eigentlich nicht beobachten, sondern nur in der Reflexion über ihre Producte diesen Begriff als einen Leitfaden der Urtheilskraft hinzu denken“ (§ 75, AA V 399). Der Zweckbegriff ist kein Erkenntnisgrund wie die Kategorien der „Kritik der reinen Vernunft“, sondern ein Urteil der reflektierenden Urteilskraft über die Natur.
Quelle: Wikipedia: Kritik der Urteilskraft (Teleologie, Naturzwecke, regulatives Prinzip)
Wirkung: Von Schiller bis heute
Die dritte Kritik hat die Ästhetik und Kunsttheorie der folgenden Jahrhunderte nachhaltig beschäftigt.
Hegel und der deutsche Idealismus
Ästhetik der Gegenwart
Quellen: Wikipedia: Über die ästhetische Erziehung des Menschen · Wikipedia: Kritik der Urteilskraft (Hegel, aktuelle Rezeption)