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Wie wird ewiger Friede möglich?

Kann es dauerhaften Frieden zwischen Staaten geben — nicht als Glücksfall der Diplomatie, sondern als Zustand, den das Recht selbst garantiert? Kants Antwort von 1795 ist einer der berühmtesten Friedensentwürfe der Philosophiegeschichte.

Titelblatt der Erstausgabe von Zum ewigen Frieden, Königsberg 1795
„Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf“ (Königsberg 1795) — 104 Seiten, die Weltpolitik machen sollten.Bild: Kant · Public domain · Wikimedia Commons

Im April 1795 schließt Preußen in Basel einen Separatfrieden mit dem revolutionären Frankreich — ausgehandelt per Kurier zwischen den Quartieren der Unterhändler, samt einem Geheimartikel, in dem Preußen die französische Kontrolle über das linke Rheinufer hinnimmt. Im selben Jahr erscheint in Königsberg eine schmale Schrift von gut hundert Seiten: „Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf“ — 1796 folgt bereits eine erweiterte zweite Auflage. Genau solche Verträge wie den Basler nimmt ihr allererster Artikel ins Visier: Ein Friedensschluss mit geheimem Vorbehalt künftiger Kriegsgründe ist gar kein Friede.

Schon die Form ist eine Pointe: Kant baut seine Schrift auf wie einen völkerrechtlichen Vertrag — mit Präliminarartikeln, Definitivartikeln, Zusätzen und Anhängen, in der endgültigen Fassung sogar einem „geheimen Artikel“. Und der Titel kommt mit Ironie daher: Kant spielt auf die satirische Überschrift „auf dem Schilde jenes holländischen Gastwirths, worauf ein Kirchhof gemalt war“ an und lässt offen, ob sie den Menschen überhaupt, besonders den Staatsoberhäuptern oder gar nur den Philosophen gelte (AA VIII 343). Hinter dem Scherz steckt Vorsicht: Mit einer salvatorischen Klausel sichert sich der Philosoph gegen die Zensur ab — was folgt, sei ja bloß ein Gedankenspiel, das kein Staatsmann fürchten müsse.

Quellen: Wikipedia: Zum ewigen Frieden (Entstehung, Form, Wirtshausschild) · Wikipedia: Friede von Basel (April 1795, Geheimartikel)

Der Friedenskongress

Bevor die Artikel einzeln folgen: Was müsste in einem Vertrag stehen, damit er nicht nur einen Krieg beendet, sondern künftige verhindert?

Kant stellt seinem Entwurf eine harte Unterscheidung voran. Ein Friedensschluss, der nur vertagt, was später wieder Streit gibt, ist „ein bloßer Waffenstillstand, Aufschub der Feindseligkeiten, nicht Friede, der das Ende aller Hostilitäten bedeutet“ (AA VIII 343). Ein echter Friede muss die Ursachen künftiger Kriege beseitigen. Darum hat die Schrift zwei Abschnitte: sechs Verbote, die aufräumen, und drei Artikel, die aufbauen. Und auch der Bund ist für Kant nur das „negative Surrogat“ einer Weltrepublik: Er hält den „Strom der rechtscheuenden, feindseligen Neigung“ nur auf, „doch mit beständiger Gefahr ihres Ausbruchs“ (AA VIII 357).

Gerät · ausgedachter FallModell, keine Geschichtsschreibung

Der Friedenskongress

Drei erschöpfte Mächte sitzen am Verhandlungstisch: Arvenland, Lyrmark und Tessburg (alle drei ausgedacht). Du schreibst den Vertrag. Nimm auf, was dir für einen dauerhaften Frieden richtig scheint, und lass weg, was nicht hineingehört.

Ohne JavaScript lässt sich der Vertrag nicht zusammenstellen. Kants Artikel stehen bei jedem Baustein, die Auflösung unten.

  • Definitivartikel 1

    „Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein.“ Zum ewigen Frieden (1795), AA VIII 349

  • Präliminarartikel 1

    „Es soll kein Friedensschluss für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden.“ Zum ewigen Frieden (1795), AA VIII 343

  • Präliminarartikel 3

    „Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhören.“ Zum ewigen Frieden (1795), AA VIII 345

  • Definitivartikel 2

    „Das Völkerrecht soll auf einen Föderalism freier Staaten gegründet sein.“ Zum ewigen Frieden (1795), AA VIII 354

  • Präliminarartikel 2

    „Es soll kein für sich bestehender Staat (klein oder groß, das gilt hier gleichviel) von einem andern Staate durch Erbung, Tausch, Kauf oder Schenkung erworben werden können.“ Zum ewigen Frieden (1795), AA VIII 344

  • Präliminarartikel 4

    „Es sollen keine Staatsschulden in Beziehung auf äußere Staatshändel gemacht werden.“ Zum ewigen Frieden (1795), AA VIII 345

  • Definitivartikel 3

    „Das Weltbürgerrecht soll auf Bedingungen der allgemeinen Hospitalität eingeschränkt sein.“ Zum ewigen Frieden (1795), AA VIII 357

  • Präliminarartikel 5

    „Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines andern Staats gewalttätig einmischen.“ Zum ewigen Frieden (1795), AA VIII 346

    Kants Ausnahme: Zerfällt ein Staat in zwei Teile, die beide das Ganze beanspruchen, ist Beistand für einen Teil keine Einmischung, denn dann herrscht Anarchie. Solange der innere Streit aber nicht entschieden ist, bleibt jedes Eingreifen von außen verboten (AA VIII 346).

  • Präliminarartikel 6

    „Es soll sich kein Staat im Kriege mit einem andern solche Feindseligkeiten erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen …“ Zum ewigen Frieden (1795), AA VIII 346

Ein Vertrag nach Kants Bauplan: sechs Verbote beachtet, drei Definitivartikel aufgenommen.

Nach Kant gelten die Verbote 1, 5 und 6 sofort; 2, 3 und 4 dürfen aufgeschoben werden, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren (AA VIII 347).

Dein Urteil

Schreib oben deinen Vertrag und lass die fünfzig Jahre laufen, dann steht hier dein Ergebnis.

Kant

Ein Friede mit geheimem Vorbehalt wäre „ein bloßer Waffenstillstand“ (AA VIII 343). Dauerhaft wird Friede erst durch Recht: republikanische Verfassungen, ein Bund freier Staaten, ein Besuchsrecht für alle (AA VIII 349, 354, 357). Und selbst der Bund hält den „Strom der rechtscheuenden, feindseligen Neigung“ nur auf, „doch mit beständiger Gefahr ihres Ausbruchs“ (AA VIII 357).

Zum ewigen Frieden (1795)

Gegenstimme

Ludger Kühnhardt hält Kants Entwurf für unrealistisch, für ein pädagogisches Ideal: Es fehle die Beschreibung des Weges zum Ziel. Er räumt aber ein, dass die Themen der drei Definitivartikel bis heute Schlüsselfragen der Politik geblieben sind.

zusammengefasst nach de.wikipedia, Zum ewigen Frieden (Rezeption)

Quellen: Kant, Zum ewigen Frieden, AA VIII 343 ff. (Präliminarartikel, korpora.org) · AA VIII 357 (Bund, Hospitalität) · AA VIII 368 (Garantie, Handelsgeist) · Wikipedia: Zum ewigen Frieden (Rezeption: Kühnhardt)

Sechs Verbote als Vorarbeit

Bevor Friede aufgebaut werden kann, müssen die Kriegsursachen weg. Die Präliminarartikel sind lauter Verbote — Aufräumarbeiten im Völkerrecht.

1 · Kein Scheinfriede

Kein Friedensschluss darf gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt künftiger Kriegsgründe gemacht wird. Wer offene Streitfragen nur vertagt, schließt keinen Frieden, sondern einen Waffenstillstand.

2 · Kein Staat ist Ware

Kein Staat — ob klein oder groß — darf durch Erbschaft, Tausch, Kauf oder Schenkung erworben werden. Ein Staat ist eine Gesellschaft von Menschen, eine moralische Person, kein Besitzstück.

3 · Stehende Heere abschaffen

Berufsarmeen sollen „mit der Zeit ganz aufhören“: Sie bedrohen andere Staaten allein durch ihre Existenz und treiben ein Wettrüsten ohne Ende an. Vertretbar bleibt nur die freiwillige Verteidigungsübung der Bürger.

4 · Keine Kriegskredite

Es sollen keine Staatsschulden für äußere Staatshändel gemacht werden: Wer Kriege bequem auf Pump führen kann, führt sie leichter — der Kredit senkt die Hemmschwelle.

5 · Keine Einmischung

Kein Staat soll sich gewalttätig in die Verfassung und Regierung eines anderen einmischen. Eine Ausnahme sieht Kant nur vor, wenn ein Staat durch innere Veruneinigung in zwei Teile zerfällt, die je auf das Ganze Anspruch erheben: Das ist Anarchie, und Beistand für einen Teil gilt nicht als Einmischung.

6 · Keine schmutzigen Mittel

Selbst im Krieg sind Mittel tabu, die das Vertrauen für einen künftigen Frieden zerstören: Meuchelmörder, Giftmischer, Bruch der Kapitulation, Anstiftung zum Verrat. Sonst wird aus dem Krieg ein Vernichtungskrieg ohne Ausweg.

Kant stuft die Artikel unterschiedlich streng ein: Die Verbote 1, 5 und 6 gelten sofort und ausnahmslos; die Artikel 2, 3 und 4 dürfen mit Rücksicht auf die Umstände aufgeschoben werden — nur aus den Augen verlieren darf man ihr Ziel nie.

DenkzettelDas Schild des Gastwirts

Ob diese satirische Überschrift auf dem Schilde jenes holländischen Gastwirts, worauf ein Kirchhof gemalt war, die Menschen überhaupt, oder besonders die Staatsoberhäupter, die des Krieges nie satt werden können, oder wohl gar nur die Philosophen gelte, die jenen süßen Traum träumen, mag dahin gestellt sein.

Fundstelle: Zum ewigen Frieden (1795), erster Satz, AA VIII 343 · Im Original nachlesen

Der Titel ist ein Witz mit Ernst: „Zum ewigen Frieden“ stand auf einem Wirtshausschild über einem gemalten Friedhof. Ewigen Frieden haben dort nur die Toten.

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Quelle: Wikipedia: Zum ewigen Frieden (die sechs Präliminarartikel)

Die drei Definitivartikel

Verbote allein stiften noch keinen Frieden. Der Aufbau folgt in drei Schritten — im Staat, zwischen den Staaten und für jeden Menschen als Weltbürger.

Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein.

Kant, Zum ewigen Frieden (1795), Erster Definitivartikel (AA VIII 349)
  1. 1
    Republikanische Verfassung

    Drei Prinzipien machen eine Verfassung republikanisch: die Freiheit aller Mitglieder der Gesellschaft, ihre Abhängigkeit von einer gemeinsamen Gesetzgebung und ihre Gleichheit als Staatsbürger. Der Kern ist die Gewaltenteilung: Die ausführende Gewalt (Regierung) muss von der gesetzgebenden getrennt sein, und das System muss repräsentativ sein. Wichtig: Republik heißt bei Kant nicht Demokratie. Er unterscheidet die Herrschaftsform — wer regiert: einer, wenige, alle — von der Regierungsart: republikanisch oder despotisch. Eine Demokratie, in der dieselbe Menge Gesetze gibt und vollstreckt, ist für ihn despotisch; umgekehrt kann selbst ein Monarch republikanisch regieren — Friedrich II., der von sich sagte, er sei „bloß der oberste Diener des Staats“, führt Kant als Beispiel an, wie eine Monarchie dem Geist des Repräsentativsystems wenigstens nahekommen kann (AA VIII 352).

  2. 2
    Föderalismus freier Staaten

    Das Völkerrecht soll auf einen Föderalismus freier Staaten gegründet sein. Kant hält einen Weltstaat zwar für die vernunftgemäße Idee, rechnet aber damit, dass die Staaten ihn nicht wollen — und warnt vor der Verschmelzung zur Universalmonarchie, die in seelenlosen Despotismus und zuletzt in Anarchie führe. An die Stelle der „positiven Idee einer Weltrepublik“ tritt deshalb nur das „negative Surrogat“ eines Bundes: ein Völkerbund, ein freier Zusammenschluss souveräner Staaten ohne gemeinsame Zwangsgewalt, gewissermaßen ein Ersatz des Gesellschaftsvertrags auf der Ebene der Staaten (AA VIII 356 f., 367): Man garantiert sich wechselseitig Freiheit und Sicherheit, ohne sich fremden Gesetzen zu unterwerfen. Den Anfang kann eine mächtige, aufgeklärte Republik machen, die zum Mittelpunkt der föderativen Vereinigung für andere wird — der Bund wächst durch Beitritt, nicht durch Eroberung.

  3. 3
    Weltbürgerrecht: Hospitalität

    Das Weltbürgerrecht soll „auf Bedingungen der allgemeinen Hospitalität eingeschränkt sein“. Gemeint ist ein Besuchsrecht, kein Gastrecht: Jeder Mensch darf sich überall auf der Erde zum Verkehr anbieten und darf dabei nicht feindselig behandelt, beraubt oder versklavt werden; abweisen darf ihn ein Staat nur, wenn es ohne den Untergang des Fremden geschehen kann — ein Recht auf dauerhafte Ansiedlung folgt daraus nicht. Die Stoßrichtung ist doppelt: Der Artikel öffnet die Welt für friedlichen Austausch — und er verurteilt den Kolonialismus der europäischen Handelsstaaten, die unter dem Deckmantel des „Besuchs“ mit Gewalt fremde Länder unterwarfen. Kants Begründung klingt verblüffend heutig: Die Gemeinschaft der Völker ist so eng geworden, dass „die Rechtsverletzung an einem Platz der Erde an allen gefühlt wird“.

Quelle: Wikipedia: Zum ewigen Frieden (die drei Definitivartikel)

Friede aus Eigeninteresse

Warum sollten Republiken friedlicher sein? Und wer garantiert, dass der Entwurf keine schöne Träumerei bleibt? Kants Antworten kommen ganz ohne moralische Appelle aus.

Das Argument für die Republik ist bestechend einfach: Wo die Zustimmung der Staatsbürger gefordert ist, um über Krieg zu beschließen, werden sie es sich sehr genau überlegen — denn sie selbst müssten kämpfen, die Kosten aus eigenem Vermögen tragen und die Verwüstungen mühsam wieder aufbauen. In einer despotischen Verfassung dagegen bleibt der Krieg für den Herrscher persönlich folgenlos: Das Volk trägt die Lasten, er entscheidet. Die republikanische Verfassung baut die Friedensneigung also nicht auf die Tugend der Bürger, sondern auf ihr wohlverstandenes Eigeninteresse.

Denselben nüchternen Blick wirft Kant auf die Frage der Garantie. Bürgen soll niemand Geringeres als die Natur selbst, die „große Künstlerin“: Krieg und Vertreibung haben die Menschen über alle Erdteile verstreut; unterschiedliche Ressourcen und Bedürfnisse zwingen sie in Handel und wechselseitige Abhängigkeit; und der „Handelsgeist“, der mit dem Krieg nicht bestehen kann, macht Frieden schlicht profitabler als Eroberung. Berühmt ist die Zuspitzung, das Problem der Staatserrichtung sei „selbst für ein Volk von Teufeln (wenn sie nur Verstand haben)“ lösbar: Gute Institutionen brauchen keine Engel — sie müssen nur den Eigennutz so kanalisieren, dass am Ende Recht und Friede herauskommen.

Die Anhänge der Schrift ziehen daraus die Konsequenz für das Verhältnis von Politik und Moral: Kant verwirft den „politischen Moralisten“, der sich die Moral nach dem Machtkalkül zurechtbiegt, und fordert den „moralischen Politiker“, der die Grundsätze des Rechts zur Richtschnur macht — reformierend, nicht umstürzend. Als Prüfstein dient die Publizität: Ansprüche, die das Licht der Öffentlichkeit nicht vertragen, sind Unrecht. Und der augenzwinkernde „geheime Artikel“ verlangt nur eines: dass die Staaten die Philosophen wenigstens anhören.

Quelle: Wikipedia: Zum ewigen Frieden (Republik-Argument, Garantie, Anhänge)

Recht und Staat: die Metaphysik der Sitten

Zwei Jahre nach der Friedensschrift liefert Kant das systematische Fundament nach — seine Rechts- und Staatslehre.

Porträt Immanuel Kants, um 1790 (Maler unbekannt)
Kant um 1790 — in seinen letzten Schaffensjahren entstehen Friedensschrift und Rechtslehre.Bild: Unknown, possibly Elisabeth von Stägemann (Anton Graff school) · Public domain · Wikimedia Commons

1797 erscheint „Die Metaphysik der Sitten“, geteilt in eine Rechtslehre und eine Tugendlehre. Während die Tugendlehre die inneren Pflichten behandelt, fragt die Rechtslehre nach der äußeren Freiheit: Wie können viele Freie nebeneinander bestehen, ohne einander die Freiheit zu nehmen? Kants allgemeines Rechtsgesetz gibt die Formel:

Eine jede Handlung ist recht, die oder nach deren Maxime die Freiheit der Willkür eines jeden mit jedermanns Freiheit nach einem allgemeinen Gesetz zusammen bestehen kann.

Kant, Die Metaphysik der Sitten (1797), Rechtslehre, Einleitung § C (AA VI 230)

Recht ist also nicht angewandte Moral, sondern die Ordnung, die äußere Freiheit unter allgemeinen Gesetzen verträglich macht. Für den Staat heißt das: Gewaltenteilung ist unabdingbar, wenn er ein Staat nach Freiheitsgesetzen sein soll, und der Souverän ist das Volk, dessen Freiheit und Gleichheit die Verfassung gewährleisten muss. Ein Widerstandsrecht des Volkes gegen das gesetzgebende Oberhaupt lehnt Kant ausnahmslos ab (AA VI 320 f.) — selbst bei schwerem Machtmissbrauch bleiben nur die öffentliche Kritik (Beschwerde) und die Reform durch die Staatsgewalt selbst: Reform von oben, nie Umsturz. Und die Rechtslehre endet, wo die Friedensschrift begann: beim Weltbürgerrecht, das das Zusammenleben der Völker regeln und den Krieg verhüten soll. Staat, Völkerrecht und Weltbürgerrecht bilden ein einziges Rechtsgebäude — der ewige Friede ist sein Dachfirst.

Quelle: Wikipedia: Die Metaphysik der Sitten (Rechtslehre, Staatslehre, Weltbürgerrecht)

Vom Entwurf zur Weltordnung

Der Einfluss einer philosophischen Schrift von hundert Seiten reicht nach verbreiteter Auffassung bis in die Gründungsdokumente der Vereinten Nationen.

Kants Völkerbunds-Idee blieb kein Gedankenspiel: Er gilt als Vordenker des Völkerbunds und der Vereinten Nationen, und die UN-Charta gilt als wesentlich von seiner Friedensschrift beeinflusst. In der Wissenschaft der Internationalen Beziehungen wird „Zum ewigen Frieden“ den liberalen Theorien zugerechnet — allen voran der These vom „demokratischen Frieden“: Demokratien führen untereinander so gut wie keine Kriege. Das ist Kants Republik-Argument in empirischem Gewand. Der Politikwissenschaftler Ernst-Otto Czempiel sah in der Demokratisierung Osteuropas nach 1989 geradezu Kants Drehbuch bestätigt: Die Republik breitet sich aus, und mit ihr der Friede.

Die Stationen dieser Wirkung lassen sich genau datieren. Die Satzung des Völkerbunds wurde am 28. Juni 1919 mit dem Versailler Vertrag unterzeichnet; am 10. Januar 1920 nahm der Bund seine Arbeit auf. Er hatte keine eigenen Truppen, und auf die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs hatte er keinen maßgeblichen Einfluss. Die Charta der Vereinten Nationen wurde am 26. Juni 1945 in San Francisco unterzeichnet und trat am 24. Oktober 1945 in Kraft; sie gilt als wesentlich von Kants Friedensschrift inspiriert. Zwei ihrer Grundsätze erinnern an Kants Verbote: Die Mitglieder verzichten in ihren internationalen Beziehungen auf die Androhung oder Anwendung von Gewalt (Art. 2 Ziff. 4), und die Organisation darf nicht in Angelegenheiten eingreifen, die ihrem Wesen nach zur inneren Zuständigkeit eines Staates gehören (Art. 2 Ziff. 7). Ein Nachbau von Kants Bund sind die Vereinten Nationen trotzdem nicht: Nach Kapitel VII kann der Sicherheitsrat Zwangsmaßnahmen beschließen, Kants Bund dagegen sollte ohne gemeinsame Zwangsgewalt auskommen.

Quellen: Wikipedia: Völkerbund (Satzung 1919, Gründung 1920, keine eigenen Truppen) · Wikipedia: Charta der Vereinten Nationen (1945, Einfluss Kants) · UN-Charta, Kapitel I, Art. 2 (Originaltext auf un.org, englisch)

Kritik blieb nicht aus: Ludger Kühnhardt etwa nannte den Entwurf ein unrealistisches pädagogisches Ideal, weil der Weg zum Ziel offenbleibe — räumte aber ein, dass die drei Definitivartikel auch zwei Jahrhunderte später die Schlüsselfragen der Politik benennen. Neuere Interpreten wie Volker Gerhardt und Otfried Höffe lesen die Schrift ohnehin größer: nicht als bloße Friedensvision, sondern als ausgearbeitete Theorie der Politik, die Rechtslehre, Staatsphilosophie und praktische Vernunft verbindet. Wie Kants Ethik dieses Fundament legt, zeigt Kapitel III; was der öffentliche Gebrauch der Vernunft damit zu tun hat, Kapitel VI.

Quelle: Wikipedia: Zum ewigen Frieden (Rezeption: UNO, demokratischer Frieden, Kritik)