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Titelblatt der Erstausgabe der Kritik der Urteilskraft von 1790
Titelblatt der Erstausgabe (1790), erschienen bei Lagarde und Friedrich in Berlin und Libau.Bild: Immanuel Kant · Public domain · Wikimedia Commons
1790

Kritik der Urteilskraft

Kants dritte Kritik fragt, warum wir etwas schön oder erhaben nennen — und warum wir die Natur betrachten, als wäre sie auf Zwecke hin angelegt.

Nach der Kritik der reinen Vernunft (1781) und der Kritik der praktischen Vernunft (1788) schließt dieses Werk das kritische Projekt ab. Es soll die Kluft zwischen der Natur, die der theoretischen Vernunft untersteht, und der Freiheit, dem Gebiet der praktischen Vernunft, überbrücken — und wurde nebenbei zu einem Gründungstext der modernen Ästhetik.

Quelle: Wikipedia: Kritik der Urteilskraft

Entstehung & Kontext

Warum brauchte das kritische System noch ein drittes Buch?

Kants Philosophie zerfällt in zwei große Gebiete: die theoretische Philosophie, die erklärt, wie Naturerkenntnis möglich ist, und die praktische Philosophie, die die Moral aus der Freiheit begründet. Zwischen beiden klafft eine Lücke — die Natur folgt Gesetzen der Kausalität, die Freiheit setzt eine Verursachung aus eigenem Entschluss voraus. Die 1790 bei Lagarde und Friedrich in Berlin und Libau erschienene Kritik der Urteilskraft soll diese Vermittlung leisten und das System vollenden.

Das Scharnier ist die Urteilskraft selbst. Kant unterscheidet zwei Weisen zu urteilen: Die bestimmende Urteilskraft ordnet einen konkreten Fall einer schon bekannten allgemeinen Regel unter. Die reflektierende Urteilskraft dagegen steht vor einem Besonderen und muss das Allgemeine dazu erst suchen. Ihr eigenes Prinzip ist die Zweckmäßigkeit: die a priori mitgebrachte Erwartung, die Natur nicht als Chaos, sondern als geordnet und strukturiert anzutreffen. Genau dieses Prinzip trägt beide Teile des Buches — die Ästhetik wie die Teleologie.

Eine Eigenheit der Textgeschichte: Kant schrieb zunächst eine sehr umfangreiche „Erste Einleitung“, veröffentlichte sie aber nicht, sondern ersetzte sie durch eine kürzere zweite — ein Hinweis darauf, wie sehr er um die Stellung dieser dritten Kritik im Gesamtsystem gerungen hat.

Quelle: Wikipedia: Kritik der Urteilskraft (Entstehung und Aufbau)

Aufbau & Kernthesen

Zwei Teile, ein Prinzip: die Zweckmäßigkeit — einmal ästhetisch, einmal teleologisch gewendet.

Das Schöne
Das Geschmacksurteil („Diese Rose ist schön“) ist kein Erkenntnisurteil: Es arbeitet ohne Begriffe und ohne Interesse am Besitz des Gegenstands — ein interesseloses Wohlgefallen. Trotzdem bleibt es nicht privat: Wer etwas schön nennt, sinnt dieses Wohlgefallen jedermann an und beansprucht subjektive Allgemeinheit.
Das Erhabene
Während das Schöne an der Begrenztheit der Formen hängt und das Lebensgefühl befördert, entzündet sich das Erhabene am Unbegrenzten: erst Hemmung, dann umso stärkere Ergießung der Lebenskräfte. Kant unterscheidet das mathematisch Erhabene (überwältigende Größe) und das dynamisch Erhabene (überwältigende Naturmacht).
Das Genie
In der Kunst verabschiedet Kant das alte Nachahmungsprinzip: Das Genie ist eine Naturbegabung mit großer Einbildungskraft und Originalität — durch das Genie gibt die Natur der Kunst die Regel. Der Geschmack vermittelt dabei zwischen Einbildungskraft und Verstand.
Zweckmäßigkeit der Natur
Der zweite Teil entwickelt Kants Teleologie: Organismen erscheinen uns als Naturzwecke, die sich mechanisch allein nicht fassen lassen. Doch die Zwecke liegen nicht objektiv in den Dingen — unsere reflektierende Urteilskraft legt sie hinein, um das Lebendige überhaupt begreifen zu können.

Quelle: Wikipedia: Kritik der Urteilskraft (ästhetische und teleologische Urteilskraft)

Das Geschmacksurteil ist also kein Erkenntnisurteil, mithin nicht logisch, sondern ästhetisch, worunter man dasjenige versteht, dessen Bestimmungsgrund nicht anders als subjektiv sein kann.

Kant, Kritik der Urteilskraft (1790), § 1 (AA V, 203)
Caspar David Friedrich: Der Wanderer über dem Nebelmeer
Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ — die Malerei der Romantik suchte genau jene überwältigende Naturerfahrung, die Kant als das Erhabene analysiert.Bild: Caspar David Friedrich · Public domain · Wikimedia Commons

Im zweiten Teil spitzt Kant den Konflikt zwischen mechanischer und teleologischer Naturerklärung zu einer Antinomie der Urteilskraft zu — und löst sie, indem er beide Betrachtungsweisen verschiedenen Ebenen zuweist: Erklären müssen wir die Natur mechanisch; beurteilen dürfen wir Organismen nur, als ob sie nach Zwecken organisiert wären.

Quelle: Wikipedia: Kritik der Urteilskraft (Teleologie)

Kant-Dekoder

Die Erklärung des Schönen

KU § 5 · AA V 211

Welche Teile kann man weglassen, ohne dass der Satz zerfällt? Tippe sie an: Sie treten zurück. Dann prüfe deine Wahl.

Geschmack ist das Beurteilungsvermögen eines Gegenstandes oder einer Vorstellungsart durch ein Wohlgefallen oder Missfallen ohne alles Interesse. Der Gegenstand eines solchen Wohlgefallens heißt schön.

Klartext: unsere Umschreibung, kein Kant-Zitat

Etwas schön zu finden heißt: Es gefällt mir, ohne dass ich es besitzen, benutzen oder verzehren will. Und weil mein Gefallen an nichts Persönlichem hängt, erwarte ich, dass es auch anderen gefallen müsste.

Der Regler öffnet sich, sobald du deine Wahl geprüft hast.

Das Gerüst: Geschmack ist das Beurteilungsvermögen eines Gegenstandes durch ein Wohlgefallen ohne alles Interesse. Der Gegenstand eines solchen Wohlgefallens heißt schön.

Zurücktreten heißt nicht unwichtig. Die Zusätze machen die Bestimmung vollständig: Geschmack urteilt auch über die Art, wie etwas dargestellt ist, und er kann auch ablehnen.

Schlüsselwörter

Sobald du deine Wahl geprüft hast, lassen sich die unterstrichenen Wörter aufklappen.

Tippe ein unterstrichenes Wort im Satz an.

Geschmack

Bei Kant
Das Vermögen, über das Schöne zu urteilen. Wer etwas schön nennt, urteilt nach Kant „nicht bloß für sich, sondern für jedermann“ (AA V 212).
Im Alltag
„Geschmackssache“: Darüber, was man mag, lässt sich nicht streiten.
Verwechslungsgefahr
Für das bloß Angenehme gibt Kant das zu: „ein jeder hat seinen eigenen Geschmack (der Sinne)“. Mit dem Schönen sei es „ganz anders bewandt“ (AA V 212).

Wohlgefallen

Bei Kant
Gefallen, Lust an etwas: das Gefühl, mit dem ein Urteil über das Schöne verbunden ist.
Im Alltag
Klingt altmodisch: „zu allseitigem Wohlgefallen“, also so, dass alle zufrieden sind.
Verwechslungsgefahr
Kein Beifall der Mehrheit, sondern ein Gefühl im Einzelnen. Wer etwas schön nennt, mutet aber „andern eben dasselbe Wohlgefallen“ zu (AA V 212).

Interesse

Bei Kant
„Interesse wird das Wohlgefallen genannt, was wir mit der Vorstellung der Existenz eines Gegenstandes verbinden“ (AA V 204): Man will die Sache haben, nutzen oder verzehren.
Im Alltag
Interesse heißt Neugier oder Aufmerksamkeit: „Das interessiert mich.“
Verwechslungsgefahr
„Ohne Interesse“ heißt nicht gelangweilt. Es heißt: Für das Urteil „schön“ ist egal, ob mir die Sache gehört oder nützt. Kants Beispiel ist ein Palast (AA V 204).

Quellen: Akademie-Ausgabe (korpora.org): AA V, 211 · Akademie-Ausgabe (korpora.org): AA V, 204 · Akademie-Ausgabe (korpora.org): AA V, 212

Wirkung & Bedeutung heute

Von Hegels Dialektik bis zur Debatte über moderne Kunst.

Besonders folgenreich war die Teleologie. Hegel würdigte Kants Begriff der inneren Zweckmäßigkeit, hielt es aber für unplausibel, Zwecke nur als Zutat unserer Urteilskraft zu verstehen: Ein Organismus, so sein Einwand, trägt seinen Zweck tatsächlich in sich selbst. Aus der Auseinandersetzung mit genau diesem Problem speiste sich, neben anderen Motiven, auch Hegels Dialektik — die dritte Kritik wurde so zu einem Anknüpfungspunkt des deutschen Idealismus.

Auch die Ästhetik des Buches wirkt fort. Dass Schönheit weder eine messbare Eigenschaft der Dinge noch bloßer Privatgeschmack ist, sondern ein subjektives und dennoch auf Allgemeingültigkeit gerichtetes Urteil — dieser paradoxe Befund beschäftigt die Ästhetik bis heute. Die Beschreibung ästhetischer Erfahrung als freies Spiel von Sinnlichkeit und Verstand erweist sich dabei gerade für das Verständnis moderner Kunst als fruchtbar, die sich begrifflicher Aneignung oft bewusst entzieht.

Quelle: Wikipedia: Kritik der Urteilskraft (Rezeption)