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Titelblatt der Erstausgabe der Kritik der praktischen Vernunft, Riga 1788
Titelblatt der Erstausgabe, Riga 1788Bild: Immanuel Kant · Public domain · Wikimedia Commons
1788

Kritik der praktischen Vernunft

Die zweite der drei Kritiken ist Kants große Antwort auf die Frage „Was soll ich tun?“ — sie begründet, warum Moral eine Sache der reinen Vernunft ist und nicht des Gefühls, der Erziehung oder des Gottesglaubens.

Das Werk erschien 1788 in Riga bei Johann Friedrich Hartknoch und gilt bis heute als eines der wichtigsten Werke der praktischen Philosophie überhaupt. Wo die Kritik der reinen Vernunft die Grenzen des Wissens vermisst, zeigt die zweite Kritik, was jenseits dieser Grenzen trotzdem gewiss ist: das moralische Gesetz — und mit ihm die Freiheit.

Quelle: Wikipedia: Kritik der praktischen Vernunft

Entstehung & Kontext

Von der Grundlegung zur eigenen Kritik — wie das Buch in Kants System hineinwuchs.

Eine eigene Kritik der praktischen Vernunft hatte Kant ursprünglich gar nicht geplant: Die erste Kritik sollte das ganze Vernunftvermögen abdecken, das theoretische wie das praktische. Nach der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten von 1785 überlegte er zunächst, eine Kritik der praktischen Vernunft als Anhang an die zweite Auflage der Kritik der reinen Vernunft (1787) zu hängen, um auf Einwände der Rezensenten zu antworten — und entschied sich dann doch für ein eigenständiges Buch, um seine Theorie des Willens auszuarbeiten und die Ethik fest in das kritische System einzubauen. Das Manuskript ging im Juni 1787 an die Druckerei in Halle; das Buch erschien im Dezember 1787 mit der Jahreszahl 1788.

Grundlegung und zweite Kritik gehören eng zusammen: Beide sind Grundlegungsschriften, die noch keine angewandte Pflichtenlehre liefern, sondern klären, wie sittliches Handeln durch praktische Vernunft überhaupt bestimmt werden kann. Die Stoßrichtung ist dabei eine andere als in der ersten Kritik: Kritisiert werden muss nicht die reine praktische Vernunft — das Sittengesetz ist ja gerade ihr Produkt —, sondern die empirisch-praktische Vernunft, die Moral auf Erfahrung, Gefühl oder Glücksstreben gründen will.

Quelle: Wikipedia: Kritik der praktischen Vernunft (Entstehung und Anliegen)

Aufbau & Kernthesen

Das Buch spiegelt die Architektur der ersten Kritik — mit einer Elementarlehre aus Analytik und Dialektik und einer kurzen Methodenlehre.

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    Analytik der reinen praktischen Vernunft

    Hier steht das Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Das Prinzip ist rein formal — es prüft nur, ob sich eine Maxime verallgemeinern lässt. Unser Bewusstsein dieses Gesetzes nennt Kant ein „Faktum der Vernunft“: Es lässt sich nicht aus etwas anderem herleiten, es drängt sich uns unmittelbar auf. Und erst durch das Sittengesetz erkennen wir unsere Freiheit — die Freiheit ist der Seinsgrund des Gesetzes, das Gesetz der Erkenntnisgrund der Freiheit. Als Triebfeder des moralischen Handelns beschreibt Kant die Achtung: kein sinnliches, sondern ein von der Vernunft selbst bewirktes Gefühl.

  2. 2
    Dialektik der reinen praktischen Vernunft

    Die Dialektik fragt nach dem höchsten Gut: der Verbindung von Tugend und einer ihr angemessenen Glückseligkeit. Weil beides in dieser Welt nicht zwangsläufig zusammenkommt, entsteht eine Antinomie der praktischen Vernunft. Kant löst sie über die Postulate: Freiheit, Unsterblichkeit der Seele und das Dasein Gottes — Ideen, die die erste Kritik nur als denkmöglich stehen lassen konnte, dürfen für die praktische Perspektive als real angenommen werden. Hier gilt der Primat der praktischen Vernunft.

  3. 3
    Methodenlehre der reinen praktischen Vernunft

    Der kurze Schlussteil — nur rund ein Dutzend Seiten der Akademie-Ausgabe — skizziert eine Theorie der moralischen Erziehung: wie das Sittengesetz Eingang in das menschliche Gemüt finden kann.

Quelle: Wikipedia: Kritik der praktischen Vernunft (Aufbau, Analytik, Dialektik)

Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.

Kant, Kritik der praktischen Vernunft (1788), Beschluss, AA V 161
Kant-Dekoder

Der Anfang des Beschlusses

KpV, Beschluss · AA V 161

Welche Teile kann man weglassen, ohne dass der Satz zerfällt? Tippe sie an: Sie treten zurück. Dann prüfe deine Wahl.

Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.

Klartext: unsere Umschreibung, kein Kant-Zitat

Zwei Dinge staune ich an, und das Staunen wird mit jedem Nachdenken größer statt kleiner: der Sternenhimmel über mir und das Sittengesetz in mir.

Der Regler öffnet sich, sobald du deine Wahl geprüft hast.

Das Gerüst: Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit Bewunderung und Ehrfurcht: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.

Zurücktreten heißt nicht unwichtig. Die Zusätze sagen, wie diese Bewunderung wirkt: Sie nutzt sich nicht ab, sondern wächst, je länger man nachdenkt.

Schlüsselwörter

Sobald du deine Wahl geprüft hast, lassen sich die unterstrichenen Wörter aufklappen.

Tippe ein unterstrichenes Wort im Satz an.

Gemüt

Bei Kant
Das Innere des Menschen als Ganzes: Denken, Fühlen und Wollen, nicht nur eine Stimmung.
Im Alltag
Ein „sonniges Gemüt“ ist eine freundliche Art; „gemütlich“ heißt behaglich.
Verwechslungsgefahr
Mit Gemütlichkeit hat das nichts zu tun. Der Sternenhimmel „vernichtet gleichsam meine Wichtigkeit“, schreibt Kant gleich danach (AA V 162).

Ehrfurcht

Bei Kant
Hochachtung vor etwas, das größer ist als man selbst. Wenige Zeilen weiter spricht Kant von „Bewunderung und Achtung“ (AA V 162).
Im Alltag
Ehrfurcht klingt nach Kirche, Stille und gesenktem Kopf.
Verwechslungsgefahr
Ehrfurcht ist hier keine Furcht. Das moralische Gesetz „erhebt“ nach Kant sogar „meinen Wert“ (AA V 162).

moralisches Gesetz

Bei Kant
Das Gesetz, das sich die Vernunft selbst gibt; für uns Menschen tritt es als kategorischer Imperativ auf.
Im Alltag
Gesetze macht der Staat; Moral sind die Regeln, die in einer Gesellschaft gelten.
Verwechslungsgefahr
Kein Gesetzbuch und keine Sitte: Das Gesetz steht „in mir“, nicht in einem Paragrafen.

Quellen: Akademie-Ausgabe (korpora.org): AA V, 161 · Akademie-Ausgabe (korpora.org): AA V, 162

Wirkung & Bedeutung heute

Vom Befreiungserlebnis des jungen Fichte bis zum Referenzwerk der modernen Ethik.

Die Wirkung setzte früh ein: Johann Gottlieb Fichte, der sich 1790 in Kants kritische Philosophie einarbeitete, schrieb nach eigener Aussage (Brief an Weißhuhn, 1790) der zweiten Kritik zu, ihn aus einer Krise des metaphysischen Determinismus befreit zu haben — Begriffe wie „absolute Freiheit“ und „Pflicht“ waren für ihn nun bewiesen. Von diesem Impuls führt eine direkte Linie in den deutschen Idealismus.

Im 20. Jahrhundert wurde das Buch zum zentralen Bezugspunkt der deontologischen — also pflichtenbasierten — Moralphilosophie und der kantischen Ethik. Zwar wird es in der Forschung manchmal von der handlicheren Grundlegung überschattet; der Kant-Forscher Lewis White Beck hielt dem schon 1960 entgegen, dass erst die zweite Kritik die Fäden von Freiheit und praktischer Vernunft zu einer umfassenden Theorie moralischer Verbindlichkeit verwebt.

Quelle: Wikipedia: Kritik der praktischen Vernunft (Rezeption)