Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?
Vierzehn Zeitschriftenseiten, die eine Epoche auf den Begriff brachten: Kants Antwort auf eine Berliner Fußnote wurde zum Manifest der Aufklärung — und ihr erster Satz zu einem der berühmtesten der deutschen Philosophie.
Quelle: Wikipedia: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?
Entstehung & Kontext
Am Anfang steht keine philosophische Preisfrage, sondern ein handfester Streit über die Ehe.
Im September 1783 schlägt Johann Erich Biester, Mitherausgeber der Berlinischen Monatsschrift, vor, die Geistlichkeit künftig nicht mehr an Eheschließungen zu beteiligen. Der Berliner Pfarrer Johann Friedrich Zöllner widerspricht im Dezember 1783 — und stellt in einer Fußnote seiner Erwiderung die Frage, die zum Stichwort der Epoche wird: „Was ist Aufklärung?“ Alle Welt rede von Aufklärung, so sein Punkt, aber eine klare Definition habe noch niemand geliefert.
Mehrere Gelehrte antworten in derselben Zeitschrift. Kants Beitrag erscheint in der Dezemberausgabe 1784 auf den Seiten 481 bis 494 — und er ist nicht einmal der erste: Schon im September 1784 hatte Moses Mendelssohn dort seinen Aufsatz „Ueber die Frage: was heißt aufklären?“ veröffentlicht. Kant kannte ihn beim Schreiben nicht; in einer Anmerkung erklärt er, er hätte seinen Text sonst zurückgehalten. So besitzt die Philosophiegeschichte zwei unabhängige Antworten auf dieselbe Frage — berühmt geworden ist die aus Königsberg.
Quelle: Wikipedia: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (Entstehung, Mendelssohn)
Kernthesen
Der Aufsatz beginnt mit der Definition — alles Weitere ist ihre Entfaltung.
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. […] Sapere aude! Habe Muth dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784)
Jedes Wort trägt: Aufklärung ist kein Zustand, sondern ein „Ausgang“ — eine Bewegung, die jeder selbst vollziehen muss. Und weil das Hindernis nicht im Verstand liegt, sondern im fehlenden Mut, ihn zu gebrauchen, ist die Unmündigkeit selbstverschuldet. Vier Gedankenschritte entfalten diese Diagnose:
- 1Selbstverschuldete Unmündigkeit
Unmündig ist, wer seinen Verstand nicht ohne fremde Leitung gebraucht. Selbstverschuldet ist das, wenn nicht der Verstand fehlt, sondern der Mut, ihn zu benutzen — „Faulheit und Feigheit“ sind für Kant die Gründe, warum Unmündigkeit so bequem ist: ein Buch, das für mich Verstand hat, ein Seelsorger, der für mich Gewissen hat, ein Arzt, der meine Diät beurteilt.
- 2Sapere aude!
Der dem römischen Dichter Horaz entlehnte Wahlspruch ist ein Appell an den Mut, nicht an die Intelligenz: Aufklärung beginnt mit der Entscheidung, selbst zu urteilen. Vormünder, die ihr „Hausvieh“ am Gängelband halten und ihm die Gefahren des Selbstdenkens ausmalen, sind das Gegenbild.
- 3Öffentlicher und privater Vernunftgebrauch
Der öffentliche Gebrauch der Vernunft — als Gelehrter vor dem Lesepublikum — muss „jederzeit frei sein“; der private Gebrauch im Amt darf dagegen eng eingeschränkt werden. Der Offizier muss im Dienst gehorchen, darf aber als Schriftsteller die Fehler des Kriegswesens öffentlich zur Diskussion stellen. Reform läuft über die Öffentlichkeit, nicht über Dienstverweigerung — Revolutionen bringen nach Kant keine „wahre Reform der Denkungsart“.
- 4Zeitalter der Aufklärung
Leben wir in einem aufgeklärten Zeitalter? Nein, antwortet Kant — „aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung“. Den Hauptpunkt sieht er in Religionssachen; Friedrich II. würdigt er als Monarchen, der es für Pflicht hält, den Menschen dort nichts vorzuschreiben: Räsonniert, so viel ihr wollt — aber gehorcht.
Quellen: Wikipedia: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (Inhalt) · Volltext des Aufsatzes auf Wikisource
Die drei Sätze am Anfang
Was ist Aufklärung? · AA VIII 35
Welche Teile kann man weglassen, ohne dass der Satz zerfällt? Tippe sie an: Sie treten zurück. Dann prüfe deine Wahl.
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen.
Klartext: unsere Umschreibung, kein Kant-Zitat
Aufklärung heißt: aufhören, sich das Denken abnehmen zu lassen. Unmündig ist, wer seinen Verstand nur mit fremder Anleitung benutzt. Und selbst schuld ist man daran, wenn man eigentlich selbst denken könnte, sich aber nicht traut oder nicht dazu entschließt.
Der Regler öffnet sich, sobald du deine Wahl geprüft hast.
Das Gerüst: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt.
Zurücktreten heißt nicht unwichtig. Hier ist fast alles Gerüst: drei Bestimmungen, jede baut auf der vorigen auf. Der Schluss wiederholt nur, wofür Entschluss und Mut fehlen.
Schlüsselwörter
Sobald du deine Wahl geprüft hast, lassen sich die unterstrichenen Wörter aufklappen.
Tippe ein unterstrichenes Wort im Satz an.
Unmündigkeit
- Bei Kant
- Das Unvermögen, den eigenen Verstand ohne Leitung eines anderen zu gebrauchen. Kant bestimmt es im nächsten Satz selbst.
- Im Alltag
- Unmündig sind Kinder: Sie dürfen rechtlich noch nicht allein entscheiden.
- Verwechslungsgefahr
- Mit dem Alter hat es nichts zu tun. Auch Erwachsene bleiben unmündig, wenn sie sich auf „ein Buch, das für mich Verstand hat“, verlassen (AA VIII 35).
Verstand
- Bei Kant
- Die Fähigkeit zu denken und zu urteilen, die jeder Mensch mitbringt.
- Im Alltag
- „Verstand haben“ heißt oft: schlau sein, ein heller Kopf.
- Verwechslungsgefahr
- Kant sagt gerade nicht, den Unmündigen fehle es an Klugheit: Die Ursache liegt „nicht am Mangel des Verstandes“.
Entschließung
- Bei Kant
- Der Entschluss, etwas wirklich zu tun; zusammen mit dem Mut der eigentliche Engpass.
- Im Alltag
- Eine Entschließung ist heute meist ein Beschluss im Parlament.
- Verwechslungsgefahr
- Kein Beschluss eines Gremiums, sondern Entschlusskraft. Dazu passt der Wahlspruch gleich danach: „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ (AA VIII 35).
Quellen: Akademie-Ausgabe (korpora.org): AA VIII, 35 · Akademie-Ausgabe (korpora.org): AA VIII, 36
Wirkung & Bedeutung heute
Ein Gelegenheitstext von wenigen Seiten — und doch das vielleicht meistzitierte Stück deutscher Aufklärungsprosa.
Der Aufsatz zählt heute zu den bekanntesten Schriften der deutschsprachigen Aufklärung; sein Anfangssatz gehört zu den meistzitierten der Epoche. Kant selbst hat die Formel zwei Jahre später noch einmal zugespitzt: „die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung“. Was 1784 als Zeitschriftenantwort begann, wurde so zur Kurzformel eines ganzen Denkprogramms.
Und die Frage blieb offen: Genau zweihundert Jahre später, 1984, veröffentlichte Michel Foucault einen Essay unter demselben Titel. Er las Kants Aufsatz als Beginn einer „Haltung der Modernität“ und bestimmte Aufklärung als fortdauernde kritische Arbeit an den Grenzen unseres Selbstverständnisses: eine Haltung, kein abgeschlossenes Projekt. Kants nüchterne Diagnose vom „Zeitalter der Aufklärung“, das noch kein aufgeklärtes ist, hatte diese Offenheit von Anfang an angelegt.
Die ausführliche Lektüre des Aufsatzes — mit allen Beispielen zum Vernunftgebrauch und dem doppelbödigen Lob des Königs — bietet das Kapitel Aufklärung.
Quelle: Wikipedia: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (Rezeption, Foucault)