Was darf ich hoffen?
Die dritte von Kants vier Fragen klingt nach Zukunftswünschen. Gemeint ist etwas Genaueres: Was darf ich hoffen, wenn ich tue, was ich soll?
In seiner Logik bringt Kant das ganze Feld der Philosophie auf vier Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Dann verteilt er sie auf vier Fächer.
Die erste Frage beantwortet die Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte die Religion und die vierte die Anthropologie.
Kant, Logik (1800), AA IX 25
Die Hoffnung gehört also der Religion. Gemeint ist aber nicht die Lehre einer Kirche, sondern die Frage, was ein vernünftiger Mensch hoffen darf, ohne mehr zu behaupten, als er wissen kann. In der Kritik der reinen Vernunft stellt Kant die Frage genauer: „wenn ich nun tue, was ich soll, was darf ich alsdann hoffen?“ Und er setzt sofort hinzu: „Denn alles Hoffen geht auf Glückseligkeit“ (KrV B 833, AA III 523). Die Frage verbindet zwei Dinge, die im Leben oft auseinanderfallen: gut zu handeln und glücklich zu sein.
Quellen: Kant, Logik, AA IX 25 (korpora.org) · Kant, Kritik der reinen Vernunft, A 805/B 833, AA III 523 (korpora.org)
Das höchste Gut: würdig und glücklich
Kants Antwort beginnt mit einer Beobachtung, die jeder kennt: Wer anständig handelt, wird dafür nicht von selbst belohnt.
In der Kritik der praktischen Vernunft (1788) unterscheidet Kant zwei Bedeutungen von „höchstes Gut“. Das oberste Gut ist die Tugend, „die Würdigkeit glücklich zu sein“; sie ist die Bedingung von allem anderen. Das vollendete Gut verlangt mehr: Tugend und Glück zusammen, und zwar das Glück „ganz genau in Proportion der Sittlichkeit“ verteilt.
Denn der Glückseligkeit bedürftig, ihrer auch würdig, dennoch aber derselben nicht teilhaftig zu sein, kann mit dem vollkommenen Wollen eines vernünftigen Wesens, welches zugleich alle Gewalt hätte, wenn wir uns auch nur ein solches zum Versuche denken, gar nicht zusammen bestehen.
Kant, Kritik der praktischen Vernunft (1788), AA V 110
Das klingt, als sollte man gut handeln, um belohnt zu werden. Genau das meint Kant nicht. Der Beweggrund muss die Pflicht bleiben; Furcht oder Hoffnung als Triebfeder würden „den ganzen moralischen Wert der Handlungen“ vernichten (AA V 129). Darum ist die Moral für ihn „nicht eigentlich die Lehre, wie wir uns glücklich machen, sondern wie wir der Glückseligkeit würdig werden sollen“ (AA V 130). Die Hoffnung kommt erst danach, als Frage, ob eine Welt denkbar ist, in der die Würdigen nicht leer ausgehen.
Lohnt sich das Gute?
In der Welt, wie wir sie kennen, passen beide oft nicht zusammen. Im moralischen Gesetz liegt nach Kant „nicht der mindeste Grund“ für einen notwendigen Zusammenhang von Sittlichkeit und Glück (AA V 124).
Ist es vernünftig zu hoffen, dass sich gutes Handeln am Ende lohnt?
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Kant trennt zwei Dinge. Gut handeln soll man, weil es Pflicht ist, nicht für einen Lohn: Die Moral ist „nicht eigentlich die Lehre, wie wir uns glücklich machen, sondern wie wir der Glückseligkeit würdig werden sollen“ (AA V 130). Aber würdig zu sein und leer auszugehen, „kann mit dem vollkommenen Wollen eines vernünftigen Wesens … gar nicht zusammen bestehen“ (AA V 110). Darum darf man hoffen. Für Kant führt diese Hoffnung zu Gott und Unsterblichkeit, als Postulate, nicht als Wissen.
Kritik der praktischen Vernunft (1788)
Heinrich Heine spottete 1834, Kant habe den Gottesglauben der Philosophen mit der theoretischen Vernunft getötet und mit der praktischen Vernunft aus Mitleid mit seinem Diener wiederbelebt: „Der alte Lampe muss einen Gott haben, sonst kann der arme Mensch nicht glücklich sein …“ Die Worte legt Heine Kant spöttisch in den Mund; Kant hat sie nie gesagt.
Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (1834), Drittes Buch
Verständnisfrage: Warum soll man nach Kant gut handeln?
Quellen: Kant, KpV, AA V 110 (korpora.org) · AA V 129 · AA V 130 · Wikipedia: Höchstes Gut · Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, Drittes Buch (Projekt Gutenberg)
Freiheit, Unsterblichkeit, Gott: die drei Postulate
Aus dem moralischen Gesetz und der Hoffnung auf das höchste Gut folgen bei Kant drei Annahmen, die man nicht beweisen kann und doch nicht loswird.
Unter einem Postulat versteht Kant „einen theoretischen, als solchen aber nicht erweislichen Satz“, der „einem a priori unbedingt geltenden praktischen Gesetze unzertrennlich anhängt“ (AA V 122). Wer das moralische Gesetz ernst nimmt, muss also etwas annehmen, das er nicht beweisen kann. Kant nennt drei solche Annahmen (AA V 132).
- 1Freiheit
Wer sich unter das moralische Gesetz stellt, muss sich als unabhängig von der Sinnenwelt denken: als fähig, seinen Willen nach einem Gesetz der Vernunft zu bestimmen statt nach seinen Trieben (AA V 132).
- 2Unsterblichkeit
Das höchste Gut verlangt, dass der Wille ganz mit dem moralischen Gesetz übereinstimmt. Kant nennt das „Heiligkeit“, eine Vollkommenheit, die kein Mensch in irgendeinem Augenblick seines Lebens erreicht. Möglich ist nur ein Fortschritt „ins Unendliche“, und der setzt eine Existenz voraus, die nicht endet: die Unsterblichkeit der Seele (AA V 122).
- 3Gott
Wer handelt, ist nicht zugleich Ursache der Natur; er kann nicht dafür sorgen, dass Glück und Sittlichkeit zusammenkommen. Das höchste Gut ist darum nur möglich, wenn es eine oberste Ursache der Natur gibt, „die eine der moralischen Gesinnung gemäße Kausalität hat“: Gott (AA V 124 f.).
Für Neugierige: Wissen aufheben, um Glauben Platz zu machen
In der Vorrede zur zweiten Auflage der Kritik der reinen Vernunft (1787) hat Kant sein Vorgehen in einen Satz gefasst: „Ich musste also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen“ (B XXX, AA III 19). Gemeint ist kein Verzicht auf Vernunft. Weil die Vernunft über Gott, Freiheit und Unsterblichkeit nichts beweisen kann, kann sie das Gegenteil auch nicht beweisen. In dieser Lücke hat der Vernunftglaube der Postulate Platz.
Quellen: Kant, KpV, AA V 122 (Postulat, Unsterblichkeit) · AA V 124 f. (Gott) · AA V 132 (Postulate überhaupt) · KrV B XXX, AA III 19 · Wikipedia: Kritik der praktischen Vernunft
Hoffnung auf die Geschichte
Kant hofft nicht nur für den Einzelnen und nicht nur auf ein Jenseits. Er fragt auch, ob die Menschheit als Ganzes vorankommt.
Im November 1784, einen Monat vor dem Aufsatz über die Aufklärung, erscheint in der Berlinischen Monatsschrift Kants „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“. Der Ausgangspunkt ist nüchtern. Wer das Tun der Menschen auf der „großen Weltbühne“ betrachtet, findet nach Kant am Ende alles „aus Torheit, kindischer Eitelkeit, oft auch aus kindischer Bosheit und Zerstörungssucht zusammengewebt“ (AA VIII 17 f.). Und doch lasse die Geschichte „von sich hoffen“, im Großen einen „regelmäßigen Gang“ zu entdecken, so wie die jährlichen Tafeln der Ehen, Geburten und Todesfälle Regeln zeigen, obwohl jeder Einzelne frei entscheidet (AA VIII 17).
Der Motor dieses Gangs ist ausgerechnet der Streit. Kant nennt ihn die „ungesellige Geselligkeit“: Menschen wollen zusammenleben und wollen zugleich alles nach ihrem eigenen Sinn richten (AA VIII 20 f.). Ehrsucht, Herrschsucht und Habsucht treiben sie aus der Faulheit, und so entwickeln sich Talente, die in einem friedlichen „arkadischen Schäferleben“ für immer geschlummert hätten. „Der Mensch will Eintracht; aber die Natur weiß besser, was für seine Gattung gut ist: sie will Zwietracht“ (AA VIII 21). Das Ziel ist eine Gesellschaft, in der das Recht für alle gilt, und am Ende ein Rechtszustand auch zwischen den Staaten. Leicht wird das nicht:
Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.
Kant, Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784), AA VIII 23
Darum bleibt nur „die Annäherung zu dieser Idee“ (AA VIII 23). Kant will mit seinem Leitfaden die Geschichtsschreibung nicht ersetzen; das wäre, schreibt er, eine „Missdeutung“ seiner Absicht. Er bietet einen Gesichtspunkt an, der „eine tröstende Aussicht in die Zukunft“ eröffnet (AA VIII 30). Ein Beweis, dass es so kommt, ist das nicht. Es ist ein Grund, es zu hoffen.
Quellen: Kant, Idee …, AA VIII 17 f. (korpora.org) · AA VIII 20 f. (ungesellige Geselligkeit) · AA VIII 23 (krummes Holz) · AA VIII 30 · Wikipedia: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht
Die Garantie des ewigen Friedens
Elf Jahre später überträgt Kant diese Hoffnung auf den Frieden zwischen den Staaten.
Im ersten Zusatz zu „Zum ewigen Frieden“ (1795) fragt Kant, wer dafür bürgt, dass der Friede keine Träumerei bleibt. Seine Antwort: „nichts Geringeres, als die große Künstlerin Natur“, deren mechanischer Lauf zeige, wie „durch die Zwietracht der Menschen Eintracht selbst wider ihren Willen“ emporkommt (AA VIII 360). Die Natur trennt die Völker durch die „Verschiedenheit der Sprachen und der Religionen“ (AA VIII 367) und verbindet sie durch den Eigennutz: Es sei „der Handelsgeist, der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann“ (AA VIII 368). Selbst das Problem der Staatserrichtung sei „selbst für ein Volk von Teufeln (wenn sie nur Verstand haben)“ lösbar (AA VIII 366).
Wichtig ist, wie vorsichtig Kant das sagt. Die Natur garantiere den Frieden „freilich mit einer Sicherheit, die nicht hinreichend ist, die Zukunft desselben (theoretisch) zu weissagen, aber doch in praktischer Absicht zulangt und es zur Pflicht macht, zu diesem (nicht bloß schimärischen) Zwecke hinzuarbeiten“ (AA VIII 368). Genau so ist Kants Hoffnung gebaut: kein Wissen über die Zukunft, sondern ein Grund, an ihr zu arbeiten. Wie die Friedensschrift aufgebaut ist und wie ein Vertrag nach ihren Artikeln aussähe, zeigt das Kapitel Frieden & Politik.
Quellen: Kant, Zum ewigen Frieden, AA VIII 360 (Garantie) · AA VIII 366 (Volk von Teufeln) · AA VIII 367 · AA VIII 368 (Handelsgeist, „in praktischer Absicht“) · Wikipedia: Zum ewigen Frieden
Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft
1793 zieht Kant aus der Moral die Folgerung für die Religion und gerät darüber mit der Zensur in Konflikt.
Der Titel ist Programm: Kant fragt, was Religion bedeutet, wenn man sie allein mit der Vernunft betrachtet. Schon die Vorrede zur ersten Auflage sagt, in welche Richtung der Weg führt.
Moral also führt unumgänglich zur Religion, wodurch sie sich zur Idee eines machthabenden moralischen Gesetzgebers außer dem Menschen erweitert, in dessen Willen dasjenige Endzweck (der Weltschöpfung) ist, was zugleich der Endzweck des Menschen sein kann und soll.
Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1793), AA VI 6
Die Reihenfolge ist wichtig: Die Moral gründet nicht auf der Religion, sie führt zu ihr. Die Schrift liest christliche Lehren als Bilder für Ideen der Vernunft. Aus der Erbsünde wird die Frage nach dem „radikalen Bösen“, einem Hang zum Bösen, den jeder Mensch in sich trage. Die Figur Christi wird zum Sinnbild eines moralisch vollkommenen Menschen, die Kirche zum Bild eines „ethischen Gemeinwesens“, in dem Menschen gemeinsam am Guten arbeiten. Ziel ist für Kant der allmähliche Übergang von einem Kirchenglauben, der sich auf Offenbarung stützt, zu einem reinen Religionsglauben der Vernunft.
Der preußischen Zensur ging das zu weit. 1792 verweigerte der Berliner Zensor den Druck des zweiten Teils in der Berlinischen Monatsschrift; Kant ließ das ganze Werk über die Philosophische Fakultät in Jena zulassen, und 1793 erschien es als Buch. Am 1. Oktober 1794 warf ihm ein königliches Reskript vor, seine Philosophie zur Herabwürdigung von Grundlehren des Christentums zu missbrauchen. Kant erklärte „als Ew. Königl. Maj. getreuester Untertan“, er werde sich „aller öffentlichen Vorträge die Religion betreffend“ gänzlich enthalten. Die Formel hatte er, wie er später schrieb, „vorsichtig“ gewählt: Sie band ihn nur, solange dieser König lebte (AA VII 10). Wie es dazu kam, erzählt das Kapitel Leben.
Quellen: Kant, Religionsschrift, AA VI 6 (korpora.org) · Wikipedia: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft · Wikipedia (englisch): Religion within the Bounds of Bare Reason (Jena) · Kant, Der Streit der Fakultäten, AA VII 6 (Reskript von 1794) · AA VII 10 (Kants Erklärung)
Das Ende aller Dinge
Ein Jahr nach der Religionsschrift fragt Kant, was Menschen vom Ende der Welt erwarten und warum.
Der kurze Essay erschien im Juni 1794 in der Berlinischen Monatsschrift. Kant nimmt eine fromme Redewendung beim Wort, ein Sterbender gehe „aus der Zeit in die Ewigkeit“ (AA VIII 327), und fragt, was das heißen könnte. Er unterscheidet ein natürliches Ende aller Dinge, das den moralischen Zwecken gemäß ist, ein mystisches, von dem wir nichts begreifen, und ein widernatürliches, das wir durch Missverstand des Endzwecks selbst herbeiführen. Die Pointe richtet sich gegen jeden Zwang in Glaubensdingen: Ein Christentum, das nicht mehr liebenswürdig wäre und mit Autorität durchgesetzt würde, brächte das verkehrte Ende hervor. Mehr dazu auf der Werkseite Das Ende aller Dinge.
Quellen: Kant, Das Ende aller Dinge, AA VIII 327 (korpora.org) · Wikipedia: Das Ende aller Dinge
Hoffnung oder Hintertür?
Kants Antwort auf die dritte Frage hat von Anfang an Spott und Widerspruch geweckt.
Am bekanntesten ist der Spott Heinrich Heines von 1834. In seiner Darstellung hat Kant mit der Kritik der reinen Vernunft „den Himmel gestürmt“ und die alten Gottesbeweise zerschlagen. Dann sieht er seinen Diener, den alten Lampe, weinen, erbarmt sich und lässt die praktische Vernunft das Dasein Gottes wieder verbürgen. Heine legt Kant dazu ausgedachte Worte in den Mund:
Der alte Lampe muss einen Gott haben, sonst kann der arme Mensch nicht glücklich sein – der Mensch soll aber auf der Welt glücklich sein – das sagt die praktische Vernunft – meinetwegen – so mag auch die praktische Vernunft die Existenz Gottes verbürgen.
Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (1834), Drittes Buch: Satire, keine Äußerung Kants
Das ist Satire: Kant hat diese Worte nie gesagt, und Gott ist bei ihm nicht die Bedingung für das Glück eines Dieners, sondern für die Möglichkeit des höchsten Guts. Ernst gemeint ist aber der Einwand dahinter, und man kann ihn auch ohne Spott stellen: Holt Kant mit den Postulaten durch die Hintertür zurück, was er vorne als unbeweisbar abgewiesen hat? Kants eigene Antwort steht in der Kritik der praktischen Vernunft. Die Postulate erweitern „nicht das spekulative Erkenntnis“; sie zeigen nur, was jemand annehmen muss, der das höchste Gut befördern soll (AA V 132). Ob diese Antwort genügt, ist bis heute eine offene Frage, und die Antwort darauf ist deine.
Quellen: Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, Drittes Buch (Projekt Gutenberg) · Wikipedia: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (1834) · Kant, KpV, AA V 132
DenkzettelKrummes Holz
… aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.
Fundstelle: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784), AA VIII 23 · Im Original nachlesen
Kant spricht von der schwersten Aufgabe der Menschheit: einem Oberhaupt, das selbst gerecht ist und doch ein Mensch bleibt. Ganz lösen lasse sie sich nie, nur annähern. Hoffnung heißt hier: Fortschritt ohne Vollendung.
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